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Cover: Zwei Schwestern

Empfehlung von
Ruth Roebke, Frankfurt am Main

Dorothy Baker

Zwei Schwestern

Roman. Aus dem Amerikanischen von Kathrin Razum

Spätestens seit die Wiederentdeckungen von Richard Yates’„Zeiten des Aufruhrs“ oder John Williams „Stoner“ zum Bestseller wurden, scheinen sich Verlage und Agenten auf die Suche nach Büchern zu begeben, die bei ihrem Erscheinen kein großes Aufsehen erregten, jetzt aber erstaunlicherweise einen Nerv bei der Leserschaft treffen. Der Deutsche Taschenbuch Verlag hat nun Dorothy Baker wiederentdeckt, eine Schriftstellerin, die mehrere Romane geschrieben hat, von denen jedoch nur einer größeren Erfolg hatte. Auch „Zwei Schwestern“ erschien bereits 1965 auf Deutsch im Krüger Verlag, ohne bleibenden Eindruck zu hinterlassen – vielleicht war die Heldin für die damalige Zeit einfach zu ungewöhnlich. Zum Glück ändern sich die Zeiten, und es ist zu hoffen, dass das Buch nun den Erfolg findet, der ihm gebührt.

Ihr Leben lang sind die Zwillinge Cassandra und Judith unzertrennlich gewesen. Auf der Ranch der Eltern gab es wenig Kontakt zu anderen Kindern, und sie wollten auch keinen, weil sie sich selbst genügten. Als junge Frauen gingen sie zusammen zum Studium nach Berkeley und lebten dort in einem gemeinsamen Appartement. Für Cassandra schien das Leben vollkommen – bis Judith plötzlich allein nach New York ging und Cassandra tief verletzt und verständnislos zurückließ. Nun hat Judith der Schwester mitgeteilt, dass sie einen jungen Arzt heiraten wird, und bittet Cassandra, ihre Brautjungfer zu sein. Die macht sich, mit nur einem Gedanken im Kopf, auf den Weg ins Elternhaus: dass es sich bei der Heirat mit diesem bedeutungslosen „Wie-heißt-er-doch-gleich“ um einen großen Irrtum handelt, den sie unbedingt verhindern muss.

Was zunächst wie eine beliebige „Die-Nacht-vor-der-Hochzeit-Geschichte“ klingt, ist das brillant geschriebene, genau beobachtete Charakterportrait einer Familie, für deren Mitglieder der Realitätssinn nicht zur herausragenden Eigenschaft gehört. Die Großmutter redet an eventuell auftretenden Problemen gekonnt vorbei oder versucht, sie wegzulächeln. Der Vater betrachtet alles aus einer höheren philosophischen Warte und hilft dabei – durchaus stilvoll – mit Alkohol nach. Cassandra hat sich vollends eine eigene Welt gebaut, in der die anderen nur die ihnen zugewiesenen Rollen spielen. Sie erkennt deren Schwächen mit glasklarem Blick, bleibt aber selbst in der exklusiven Symbiose mit ihrer Zwillingsschwester gefangen. Judith ist, trotz der äußerlichen Ähnlichkeit zu Cassandra, völlig anders. Ruhig, überlegt, bodenständig – aber man fragt sich, ob das ihr Charakter oder schierer Selbstschutz ist. Sie findet den Weg aus der beklemmenden Beziehung zu Cassandra, indem sie ihr großes musikalisches Talent verleugnet und das durchschnittliche Leben einer Arztgattin wählt. Was Cassandra in helle Panik stürzt.

Die Geschichte wird zunächst aus der Sicht Cassandras erzählt, dann erhält Judith eine Stimme, und den Abschluss macht wieder Cassandra. So entsteht aus dieser zunächst wenig originell wirkenden Geschichte das Bild zweiter Schwestern, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Cassandras Stimme zeichnet zunächst das Portrait einer unglaublich intelligenten, starken Persönlichkeit, die mit wachem Blick und Ironie ihre Umwelt wahrnimmt. Aber nach und nach kommt darunter eine völlig in ihrem eigenen Selbst gefangene junge Frau hervor, deren gesamtes Leben durch Judiths Weggang auseinanderbricht. “Wenn sie weg ist, bin ich nur die Hülle von dem, was wir sind“ sagt sie an einer Stelle zu ihrer Therapeutin. Und so setzt sie ihre ganze beeindruckende Energie daran, den Zustand der Zweisamkeit wieder herzustellen.

Diese Cassandra ist keineswegs eine Heldin, die zur Identifikation einlädt – aber genau das macht die Lektüre so fesselnd. Dorothy Baker ist eine großartige Stilistin. Ihre Sätze sind doppelbödig und vibrieren vor Energie. Ähnlich wie in Sylvia Plath Roman „Die Glasglocke“ hat man es mit einem schrecklichen Drama voller tiefgründiger Figuren zu tun und kann sich gleichzeitig der Komik vieler Situationen nicht entziehen, was die Lektüre gleichermaßen spannend, erschreckend und amüsant macht.

Dieser Titel ist nicht mehr lieferbar.

Verlag
dtv
Erscheinungsdatum
2015
ISBN/EAN
978-3-423-28059-4
Format
Einband - fest (Hardcover)
Seiten
278
Preis
19,90 €
Status
nicht lieferbar, anderes Format verfügbar

Zur Autorin / Zum Autor

Dorothy Baker (1907 - 1968) stammte aus Montana. Sie studierte in Los Angeles Französische Sprache und erhielt u.a. ein Guggenheim Fellowship. Sie war verheiratet mit dem Dichter Howard Baker, mit dem sie in den vierziger Jahren auch ein Theaterstück schrieb - von der Zensur bald kassiert. Baker verfasste mehrere Short Stories und Romane. Der Film ›Young Man with a Horn‹ mit Kirk Douglas, Lauren Bacall und Doris Day geht auf einen ihrer Romane zurück. Dorothy Baker gehört zu den bedeutenden Wiederentdeckungen der NYRB Classics und wird nun endlich auch in Europa gewürdigt.

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