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Cover: Marmor, Quecksilber, Nebel

Empfehlung von
Ruth Roebke, Frankfurt am Main

Judith Schalansky

Marmor, Quecksilber, Nebel

Woraus die Welt gemacht ist | Drei berührende poetologische Expeditionen – ins Konkrete, ins Schillernde, ins Ungefähre

2025 hielt Judith Schalansky, Autorin, Buchherstellerin und Herausgeberin der Naturkunden-Reihe im Matthes & Seitz Verlag, unter dem Titel Marmor Quecksilber Nebel. Woraus die Welt gemacht ist die Poetikvorlesung an der Frankfurter Goethe-Universität, die nun unter dem gleichen Titel als Buch erschienen ist. Entstanden ist ein Text, der Philosophie, Natur-, Welt-, Kunst- und Technikgeschichte behandelt, der anekdotisches Erzählen mit stupendem Faktenwissen verbindet und der Schalanskys eigenes Tun – ihr Schreiben – permanent reflektiert.

Das Buch ist in drei Kapitel gegliedert, die durch die drei im Titel benannten Stoffe bezeichnet sind. Es beginnt mit der Schilderung einer Überwältigung: Auf einer Autofähre im Thrakischen Meer erliegt die Autorin der schieren Wucht eines 27 Tonnen schweren Marmorblocks, der auf der Pritsche eines Sattelzuges liegt. Als Leser*in ist man sofort der Musik ihrer Sprache, die selbst trockenste Fakten zum Klingen bringt, und der genauen Beobachtungsgabe verfallen, mit der sie äußeres Geschehen und inneres Erleben beschreibt. Bereits mit dem ersten Satz, „Es beginnt nicht mit einem weißen Blatt, sondern einem weißen Block“, umreißt die Autorin das Feld des ersten Kapitels: Materie und Form, Text und Gestaltung. Sie durchstreift Steinbrüche, den Lesesaal der Berliner Staatsbibliothek, wo sie ihren festen Schreibtisch hat, und den sie „ihren Steinbruch“ nennt, kommt vom Marmor auf Pygmalion und Ovids Metamorphosen, vergleicht den Prozess des Schreibens mit dem der Entstehung einer Skulptur, streift Rilke und Borges und kehrt am Ende zum Marmor zurück.

Quecksilber, mit seiner Doppeleigenschaft zur Amalgamierung und Auflösung von Metallen und er Fähigkeit, ständig neue Formen bilden zu können, führt die Autorin zu der Schilderung einer in Guadalajara gehaltenen Vorlesung. Bereits zu Beginn stellt sie fest, dass der von ihr gebrauchte Begriff Bastardbooks, so nennt sie das Resultat ihrer Tätigkeit als Autorin und Buchherstellerin, in Südamerika viel pejorativer aufgeladen ist als in Deutschland. Die dadurch entstandene Irritation bei den Zuhörenden führt zu Exkursen über hybride Existenzformen, zur Nähe von Wissenschaft und Okkultismus. Je länger der Vortrag dauert, umso mehr überschlagen sich ihre Themen und Assoziationen – ein Vorgang, den sie gleichzeitig kühl beobachtet. Nach Ende dieses Parforceritts antwortet sie der Institutsleiterin auf deren Frage was sie nun im Anschluss gerne tun möchte: „I don’t know. See some nature?“, um dann beim Blick von einer Aussichtsplattform auf den völlig von Quecksilber und Arsen vergifteten Fluss Santiago von einer Schwindelattacke erfaßt zu werden. Damit ist das Kapitel noch lange nicht zu Ende. Hier wird das Quecksilbrige, die Eigenschaft, durch Amalgamierung und Auflösung neue Formen bilden zu können, zur Metapher der Textproduktion.

„Ich frage mich“, schreibt Judith Schalansky zu Beginn des dritten Kapitels, „warum ich von allen Phänomenen des Wetters keinem so verfallen bin, wie dem Nebel.“ Sie liebt den Zustand, wenn die Welt im Dunst versinkt, und kennt ihn gut: in seiner negativen Form als die atembeklemmende Braunkohleluft in der DDR, aber auch als geheimnisvolle Landschaft, in die der Nebel die Spitze des Brockens an über dreihundert Tagen des Jahres verhüllt. Schalansky ist fasziniert vom Undeutlichen, Uneindeutigen, von den Geheimnissen, die darin aufzuspüren sind, und von den Grenzen des Wissens, die es uns zeigt, von Mimikry und Täuschung, kryptischen Texten und ihrer Entschlüsselung, von Alan Turing und seiner Maschine, von Sprachmodellen und Therapieprogrammen. Den Versuchen, dem Ungenauen, Vernebelten eine Ordnung zu geben, ergänzt sie um die Fähigkeit des Menschen, auch aus nicht Eindeutigem und der Unordnung von Sprache und Poesie Wissen zu gewinnen.

Auch wenn einem bei der Lektüre des Buches öfter der Kopf schwirrt, fasziniert der Text in jedem Abschnitt. Marmor Quecksilber Nebel ist kein Buch mit einer eindeutigen Erzählung, kein Essay mit einer festen Position. Er ist ein klug verwobener Teppich mit unterschiedlichsten Mustern, ein Text, den sich jeder Lesende im Kopf selbst zusammensetzt. Der Lesespaß dabei dürfte aber verallgemeinerbar sein.

Ruth Roebke, Frankfurt a. M. 

Verlag
Suhrkamp
Erscheinungsdatum
20.04.2026
ISBN/EAN
978-3-518-43201-3
Format
Einband - fest (Hardcover)
Seiten
176
Preis
24,00 €
Status
lieferbar

Zur Autorin / Zum Autor

Judith Schalansky, 1980 in Greifswald geboren, studierte Kunstgeschichte und Kommunikationsdesign. Ihr Werk, darunter der international erfolgreiche Bestseller Atlas der abgelegenen Inseln, der Bildungsoman Der Hals der Giraffe sowie das für den International Booker Prize nominierte Verzeichnis einiger Verluste, ist mehr als 30 Sprachen übersetzt und wurde vielfach ausgezeichnet. Sie ist Herausgeberin der Naturkunden und lebt als Gestalterin und freie Schriftstellerin in Berlin.

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