Empfehlung von
Ruth Roebke, Frankfurt am Main
Antoine Vitkine, Sébastien Borgeaud
Salvator Mundi
Das teuerste Gemälde der Welt und das Geschäft mit der Kunst. Eine Graphic Novel. Illustriert von Éric Liberge. Aus dem Französischen von Sarah Pasquay
Man hat sich schon fast daran gewöhnt, dass Werke zeitgenössischer Künstler oder alter Meister zu astronomischen Preisen gehandelt werden. Der absolute Spitzenreiter dieser Liga ist der Salvator Mundi von Leonardo da Vinci – oder vielleicht nicht von ihm oder nur teilweise? Das Gemälde aus der Zeit um 1500, dessen Urheberschaft immer noch nicht eindeutig geklärt ist, wurde 2017 für über 450 Millionen US-Dollar versteigert. Wie Kunsthändler, Gutachter und Käufer sich bei den Preisen gegenseitig in immer schwindelerregende Höhen treiben, erzählt diese gut recherchierte, rasant gezeichnete und spannend erzählte Graphic Novel.
Der erste Text des Buches, neben zwei kurzen Angaben zu Zeit und Ort des Geschehens, erscheint auf Seite 9. Zuvor sieht man als Intro eine Totale auf eine toskanische Landschaft während der Renaissance, durch die ein vollgepackter Wagen rollt. Unter der Plane des Wagens lugt der Ausschnitt eines Bildes hervor, das Jesus zeigt, der eine Hand zur Segensgeste erhoben hat. Auf der Weltkugel, die er in der anderen Hand hält, erscheinen in zunehmender Größe Umrisse eines Kontinents. Nach einem rasanten Zoom in die Straßenschluchten von New York sieht man die Fassade des Auktionshauses Christie. Dort wird im November 2017 der Salvator Mundi versteigert.
Seit dem späten 17. Jahrhundert galt das Bild als verschollen. Es tauchte erst 1900 wieder auf, wurde aber nicht als Werk von da Vinci erkannt. 1958 wurde das stark übermalte Bild als vermeintliche Kopie des Salvator Mundi bei einer Auktion für 45 britische Pfund versteigert und 2005 wiederum von einem Kunsthändler für 1.175 US-Dollar gekauft. Er lässt es säubern und restaurieren, wissend, dass man danach zwar das Bild genauer erkennen, die exakte Urheberschaft aber nicht mehr einwandfrei klären kann. Mehrere Experten, auch vom Louvre und von Christie’s, die das Bild begutachten, haben unterschiedliche Meinungen, und je nach Ergebnis steigt oder sinkt der ihm zugeschriebene Preis. Längst geht es nicht mehr um den künstlerischen Wert, das Bild wird zum Prestigeobjekt und politisch instrumentalisiert. Das vorläufige (?) Ende: Am 7. November 2017 erklärt Christie’s den Salvator Mundi für echt und versteigert das Bild zu einem obszönen Preis von mehr als 450 Millionen Dollar – an wen blieb zunächst unklar. Später wurde der saudisch-arabische Kronprinz Mohammed bin Salman als Käufer identifiziert. Öffentlich zugänglich ist das Bild seitdem nicht.
Als Neuling in der Welt der Graphic Novels habe ich mich gefragt, was diese Form der Literatur den bereits bekannten Fakten, die schnell und einfach im Netz zu finden sind, noch hinzufügen könnte – und bin überrascht.
Die Möglichkeit, lange Zeiträume mit wenigen Bildern und Sätzen überbrücken und durch die zeichnerischen Möglichkeiten von Distanz zu extremer Nähe zu wechseln können, geben der Story ein enormes Tempo, lassen aber auch Zeit, Details auf den Bildern zu erkennen; und die Texte fassen das Geschehen prägnant zusammen.
Der Zeichner Éric Liberge, der Journalist, Autor und Regisseur von Dokumentarfilmen Antoine Vitkine und der auf Finanzbetrug, Steueroasen und organisierte Kriminalität spezialisierte Investigativjournalist Sébastien Borgeaud werfen mit der gleichermaßen als Kunst-, Wirtschafts- oder Politkrimi zu lesenden Graphic Novel über das teuerste Gemälde der Welt einen vernichtenden Blick auf die Eliten des Kunsthandels und deren Käufer. Kunst hat den Herrschenden und Reichen schon immer dazu gedient, ihre Macht zur Schau zu stellen. Der Salvator Mundi ist das krasseste Beispiel dafür, was geschieht, wenn alles Maß überschritten wird, der Gegenstand, um den es geht, seinen eigentlichen Wert verliert und zu einer einzigen sinnentleerten Blase der Gier verkommt.
- Verlag
- Knesebeck
- Erscheinungsdatum
- 25.06.2026
- ISBN/EAN
- 9783989620933
- Format
- Einband - fest (Hardcover)
- Seiten
- 96
- Preis
- 28,00 €
- Status
- lieferbar
Zur Autorin / Zum Autor
Antoine Vitkine ist ein französischer Journalist und preisgekrönter Dokumentarfilmer. Er wurde 1977 geboren und ist Absolvent der Sciences Po Paris. Seit 2001 hat er 24 Filme für französische und internationale Fernsehsender gedreht, darunter eine Dokumentation über das Gemälde Salvator Mundi. Er verfasst Graphic Novels und Bücher, die bereits in mehrere Sprachen übersetzt wurden.
Sébastien Borgeaud ist Investigativjournalist und spezialisiert auf Finanzbetrug, Steueroasen und organisierte Kriminalität. Er hat Abschlüsse von der Sciences Po Paris und der École Supérieure de Journalisme de Lille. Zehn Jahre lang arbeitete er als Reporter und Kameramann. Seit 2020 ist er für eine Nachrichtenplattform tätig, die sich auf die Untersuchung von Finanzbetrug spezialisiert hat.
Éric Liberge ist ein französischer Comiczeichner. Ab 1996 arbeitete er an Monsieur Mardi-Gras Descendres, dessen erster Band 1998 bei einem kleinen Verlag erschien und für den er 1999 den Prix René Goscinny erhielt.