Zum Inhalt springen
Zu den aktuellen Empfehlungen
Cover: Und was hat das mit mir zu tun?

Empfehlung von
Ruth Roebke, Frankfurt am Main

Sacha Batthyany

Und was hat das mit mir zu tun?

Ein Verbrechen im März 1945. Die Geschichte meiner Familie

Die Batthyánys gehören zu den ältesten ungarischen Adelsgeschlechtern, aber mit dem Ende des 2. Weltkrieges und dem Einmarsch der Roten Armee begann eine gefährliche Zeit für die Aristokraten. Sie wurden enteignet und verloren alles: ihre Titel und Privilegien, ihre Güter, ihr Geld (falls vorhanden) und oft genug auch ihr Leben. Die Eltern von Sacha Batthyany (den Akzent hat er abgelegt) flüchteten 1956 nach dem Ungarnaufstand in die Schweiz, wo er in einem kleinen Reihenhaus in Zürich aufwuchs. Für seine Familiengeschichte hat sich der Journalist nie interessiert, und von einem Massaker an 180 Juden, 1945 in den letzten Kriegstagen im Schloss Rechnitz begangen, das den Batthyánys gehörte, hatte er noch nie gehört. Bis ihm eine Kollegin mit der Bemerkung: „Was hast du denn für eine Familie?“ einen Zeitungsartikel mit der Überschrift „Die Gastgeberin der Hölle“ auf den Tisch legt und er auf dem Foto dazu seine Großtante Margit erkennt.

Margit Thyssen-Bornemisza war eine der reichsten Frauen Europas, als sie den verarmten ungarischen Grafen Batthyány heiratete. Ihr gehörte Schloss Rechnitz, das im Krieg als Erholungsstätte für SS-Offiziere diente. Nur zehn Tage vor dem Einmarsch der Roten Armee fand dort ein Fest für die Offiziere und Gestapomitglieder statt, dessen Gastgeberin sie war. Man trank, tanzte und amüsierte sich, während ein Teil der Gäste nach einem Anruf für einige Zeit das Schloss verließ, um 180 Juden, die am Bahnhof auf ihren Transport gewartet hatten, zu erschießen. Nach ihrer Rückkehr ging das Fest ungestört weiter.

Nach dem Krieg wurde einigen der Täter der Prozess gemacht. Zwei Zeugen wurden während des Verfahrens ermordet. Die beiden wichtigsten Angeklagten konnten mit Margit Batthyánys Hilfe ins Ausland fliehen und blieben in Freiheit. Für die in einigen Zeitungsartikeln unterstellte persönliche Beteiligung Margit Batthyánys an den Erschießungen gibt es keine Beweise oder Zeugen. In der Familie wurde sie nie danach gefragt, und sie wurde auch nie zur Rechenschaft gezogen. Bis zu ihrem Tod führte sie unbehelligt mit ihrem Mann ein luxuriöses Leben in der Schweiz. Zu ihr nach Lugano flüchteten auch Batthyánys Eltern, als sie nach dem Ungarnaufstand das Land völlig mittellos verließen.

Sacha Batthyany beginnt zu recherchieren. Er durchsucht Archive, reist nach Rechnitz, nach Budapest, und mit seinem alten Vater irgendwann nach Sibirien. In Aufzeichnungen seiner Großmutter, die ihm der Vater nach deren Tod übergeben hat, stößt er auf ein weiteres dunkles Geheimnis seiner Familie, das ihn zu einer Auschwitz-Überlebenden nach Buenos Aires führt.

Sieben Jahre lang hat er an diesem Buch gearbeitet, in dem es nicht nur um die Aufarbeitung der Vergangenheit geht – obwohl sie der Schlüssel zu allem ist. Es geht um Täter und Opfer und um Menschen, die beides sind. Es geht um Schuld und darum, wie weit die Gegenwart von der Vergangenheit bestimmt wird und ob die Suche nach „Wahrheit“ eigentlich eine nach Vergebung ist. Es ist Familiengeschichte und historische Dokumentation, großartig geschrieben und aufwühlend zu lesen. Und für Batthyany selbst geht es irgendwann um die Frage, die der Schriftsteller Maxim Biller ihm während eines Abendessens gestellt hat: „Und was hat das mit dir zu tun?“

Dieser Titel ist nicht mehr lieferbar.

Verlag
Verlag Kiepenheuer & Witsch
Erscheinungsdatum
2016
ISBN/EAN
978-3-462-04831-5
Format
Einband - fest (Hardcover)
Seiten
256
Preis
19,99 €
Status
nicht lieferbar

Zur Autorin / Zum Autor

Sacha Batthyany, geboren 1973, studierte Soziologie in Zürich und Madrid, war Redakteur bei der Neuen Zürcher Zeitung und arbeitet seit 2010 beim Magazin des Tages-Anzeigers. Er ist Dozent an der Schweizer Journalistenschule und lebt seit 2015 in Washington, D.C., wo er für den Tages-Anzeiger und die Süddeutsche Zeitung als Korrespondent über Politik und Gesellschaft berichtet.

Weitere Empfehlungen von Ruth Roebke

8 Empfehlungen