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Cover: Takeshis Haut

Empfehlung von
Ruth Roebke, Frankfurt am Main

Lucy Fricke

Takeshis Haut

Frida ist Geräuschemacherin – der ideale Beruf für die Vierzigjährige. Allein im Dunkel mit sich und irgendwelchen Filmen, denen sie den perfekten Sound verpasst. Sie ist eine der Besten ihres Fachs und arbeitet gerne auch für Kriegsserien oder Horrorfilme. Was sie in der Außenwelt an Material nicht findet, einsammelt, erjagt, tüftelt sie in ihrem Studio aus.

Außerhalb dessen ist Frida eher unpraktisch veranlagt. Trotz guten Einkommens stapeln sich die Rechnungen, und der Schuldenberg wächst. Zum Glück gibt es Robert in ihrem Leben. Verlässlich, geerdet, kommunikativ und sozial gut vernetzt. Er ist der Wächter vor ihrem Schneckenhaus, der darauf achtet, dass sie sich nicht völlig verkriecht. Er ist es auch, der ihr rät, sich den Film anzusehen, den ein junger, unbekannter Autor ihr unverlangt zugeschickt hat. Eine apokalyptische Geschichte, in Japan angesiedelt. Beklemmende Bilder – aber gänzlich ohne Ton. Der Tonmann sei mit den Aufnahmen einfach verschwunden, erzählt der Regisseur und bittet Frida, nach Japan zu fliegen um vor Ort aufzunehmen, was die Geräuschwelt des fremden Landes von der unseren, gewohnten unterscheidet: sprechende Rolltreppen, Automaten oder Duschen, das infernalische Geräusch hunderter Spielautomaten in Pachinko-Hallen, das Rauschen des vorbeifahrenden Shinkansen-Express, Signale der Ampeln, betende Mönche und Stille. Vollkommene, japanische Stille.

Frida macht sich auf den Weg, und es beginnt etwas, das man „Lost in Frequences“ nennen könnte. Auf all ihren Aufnahmen ist ein tiefes Grollen zu hören, fast unterhalb der Wahrnehmungsschwelle, das von Tag zu Tag stärker wird und auch durch ihren Körper zu pulsieren beginnt. Niemand außer ihr scheint es wahrzunehmen. Auch Takeshi nicht, ein Bekannter des Regisseurs, schön und ungreifbar, der sie durch Kyoto führt und in den sie sich verliebt. Erst nach einiger Zeit erkennt sie in ihm den Hauptdarsteller des Films. „Sie hören Land“ sagt Takeshis Vater zu ihr. Und dann kommt das Erdbeben, der Tsunami und am Ende die Katastrophe von Fukushima und Frida verliert nicht nur äußerlich jeden Halt.

Lucy Fricke, die wenige Wochen nach dem Reaktorunglück ein mehrmonatiges Stipendium am Goethe-Institut in Kyoto antrat, weiß, wovon sie erzählt. Ihre Beschreibungen der kulturellen Fremdheit, der zunehmenden Verunsicherung und - nach der Katastrophe - der Schockstarre, in die das Land fällt, beeindrucken durch ihre Genauigkeit. Die Schilderung der Hysterie, in die ihre deutschen Freunde verfallen, ist komisch bis beklemmend. Und ganz großartig sind ihre Beschreibungen von Tönen und Geräuschen. Sie sind die heimlichen Hauptakteure des Buches.

Frickes Sprache ist lakonisch, temporeich und plastisch. Sie verliert sich nicht in langen Beschreibungen und Überlegungen, findet für Situationen und Stimmungen aber ungeheuer präzise Bilder. „Takeshis Haut“ ist eine spannende, unterhaltsame und durchaus witzige Lektüre, ein Buch, dem viele Leser zu wünschen sind.

Dieser Titel ist nicht mehr lieferbar.

Verlag
Rowohlt Verlag
Erscheinungsdatum
2014
ISBN/EAN
978-3-498-02016-3
Format
Einband - fest (Hardcover)
Seiten
192
Preis
18,95 €
Status
nicht lieferbar

Zur Autorin / Zum Autor

Lucy Fricke, 1974 in Hamburg geboren, gewann 2005 den Berliner «Open Mike», 2007 erschien ihr Debüt «Durst ist schlimmer als Heimweh», drei Jahre später der Roman «Ich habe Freunde mitgebracht». Nur wenige Wochen nach der Katastrophe von Fukushima trat sie ein mehrmonatiges Stipendium des Goethe-Instituts in Kyoto an. Sie lebt in Berlin.

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