Empfehlung von
Irmgard Hölscher, Frankfurt am Main
Lizzie Doron
Sweet Occupation
Aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler
Die israelisch-palästinensische Bewegung der „Friedenskämpfer“ wurde 2006 von palästinensischen Kämpfern und israelischen Soldaten gegründet, die beschlossen hatten, die Waffen niederzulegen und das Töten durch Dialog zu ersetzen. Fünf Gründungsmitglieder, in den Augen der israelischen Gesellschaft Terroristen und Verräter, in denen der palästinensischen Öffentlichkeit Verräter und Mörder, erzählen der Autorin ihre Geschichte: Suliman, der mit fünfzehn Jahren auf israelische Soldaten einstach und dafür 15 Jahre im Gefängnis saß, Chen, der als Soldat während der zweiten Intifada erkannte, „dass die Entmenschlichung des anderen dazu führte, sich selbst zu entmenschlichen“, und als Kriegsdienstverweigerer für einige Zeit ins Gefängnis ging. Jamil, der die erste Intifada mit organisierte, Mohammed, der einen Jeep der israelischen Armee angriff und vier israelische Soldaten verletzte, und Emil, der sich weigerte, im Libanonkrieg an die Front zu gehen.
Aus diesen Geschichten hat Lizzie Doron ein Buch gemacht, das auf unmittelbar berührende Weise das Herzstück des Nahostkonflikts offenlegt: die Traumatisierung durch Krieg und Gewalt auf beiden Seiten und die Unfähigkeit, die „Tragödie des anderen“ zu erkennen. Die Begegnung mit den fünf Männern zwingt sie dazu, sich mit ihren eigenen Erfahrungen und Gefühlen auseinanderzusetzen: "Ich bin eine Linke, aber soll ich neben einem Mörder vor einem Teller Hummus und Salat sitzen? Welchen Autobus hat er in die Luft gejagt? Wen hat er umgebracht? Auch Frauen und Kinder? Hat er geplant oder ausgeführt? Hat er triumphiert, als sie starben?", fragt sie sich nicht nur bei der ersten Begegnung mit Mohammed. Immer wieder kontrastiert sie die Erzählungen der Friedenskämpfer mit Erinnerungen an ihre Kindheit und Jugend: die Kampflieder und Heldengedichte in Pfadfinderlagern und Schule, die jugendliche Kriegsbegeisterung, der traumatische Verlust der Freunde, die im Jom-Kippur-Krieg gefallen sind. Dazwischen streut sie aktuelle Nachrichten von Anschlägen auf Busse und Restaurants, von Bombenangriffen und Messerattacken ein. In dieser Montage wird deutlich, wie sehr die ständige Angst um das eigene Leben und das der Freunde und Verwandten die Menschen deformiert und Hass, Wut und Vorurteilen Vorschub leistet.
Sweet Occupation ist ein Buch, das weit erkenntnisreicher ist als jede sachliche Analyse des Nahostkonflikts, weil es sich ganz auf die Menschen konzentriert, die darunter zu leiden haben. Der schmerzhafte Annäherungsprozess der Autorin an die Gruppe der Friedenskämpfer macht überdeutlich, wie schwierig ein Dialog mit dem jeweils anderen ist, aber auch, dass er – zumindest auf individueller Ebene – gelingen kann. Das macht Hoffnung. Dass dieses so wichtige Buch in Israel bisher noch nicht erschienen ist, spricht gegen diese Hoffnung, aber dennoch bleibt die Tatsache: „Die Tragödie des anderen zu verstehen, ist die Voraussetzung, um einander keine weiteren Tragödien zuzufügen.“
Dieser Titel ist nicht mehr lieferbar.
- Verlag
- dtv Verlagsgesellschaft
- Erscheinungsdatum
- 2017
- ISBN/EAN
- 978-3-423-26150-0
- Format
- Einband - flex.(Paperback)
- Seiten
- 208
- Preis
- 16,90 €
- Status
- vom Verlag als vergriffen gemeldet
Zur Autorin / Zum Autor
Lizzie Doron, geboren 1953 in Tel Aviv, studierte Linguistik, bevor sie Schriftstellerin wurde. Ihr erster Roman ›Ruhige Zeiten‹ wurde mit dem von Yad Vashem vergebenen Buchman Preis ausgezeichnet. 2007 erhielt sie den Jeannette Schocken Preis.