Empfehlung von
Irmgard Hölscher, Frankfurt am Main
Mirko Bonné
Kanzlerkino
Roman
Alles beginnt mit Briefen. Wir schreiben das Jahr 1994, als Lutz Reinmar einen Brief von seinem alten Freund Bernd Vomturm bekommt. Fünf Jahre hat er nichts von ihm gehört, seit dessen Flucht aus der DDR 1989. Und plötzlich schreibt er ihm Briefe über Briefe, schreibt über sein Leben in Köln, seinen Aufstieg zum Kanzlerberater in Architekturfragen – er soll den neuen Kanzlerbungalow in Berlin bauen. Im alten in Bonn geht er mittlerweile ein und aus, hat ein Verhältnis mit der attraktiven Schwester der Kanzlergattin, ist eindeutig auf dem Weg nach oben und schaut aus dieser Höhe mitleidig auf Lutz Reinmar hinab, der es zwar in den Wendejahren immerhin zum Personalchef der alten Glasbaufirma gebracht hat, in der die beiden sich kennengelernt haben, aber sonst immer noch in den alten Gleisen fährt, immer noch in Chemnitz, vormals Karl-Marx-Stadt, lebt, mit derselben Frau verheiratet ist und sich mit seiner halbwüchsigen Tochter streitet.
Allmählich wird klar: Da steckt etwas dahinter, hinter diesen Briefen. Da geht es um Rache, um Bestrafung, um vergangenes Unrecht, um Kränkung und Hass. Und so findet sich der arglose Lutz plötzlich unter Terrorverdacht im Polizeigewahrsam, wenn auch nicht lange, da schleicht sich geschickt geschürte Eifersucht in das bisher glückliche Verhältnis zu seiner Gattin ein – hatte sie früher was mit Bernd? Ist die Tochter gar nicht von ihm? Was ist mit Stasi, Spitzeln und IMs?
Mit liebevollem Witz und viel Einfühlung in seine Protagonisten entwirft Mirko Bonné eine Alternativgeschichte der Wendezeit. Der amtierende Kanzler heißt nicht Helmut Kohl, auch wenn er dessen Statur hat, sondern Victor Breugel, ist eingefleischter Pfälzer, aber auch frankophil, zudem begeisterter Filmfan, der im Keller ein Kino hat und sich auch schon mal Bergmann-Filme kommen lässt. Harriet, seine Frau, leidet nicht an einer Lichtallergie, sondern einer Dunkelphobie, weshalb der Kanzlerbungalow nachts mit Licht geflutet wird und der geplante neue in Berlin gleich ganz aus Glas bestehen soll. Der Aufsteiger Bernd schleimt und schwindelt sich die Karriereleiter empor, bis er schließlich stolpert, nur um am Ende als Architekt den Sommersitz des französischen Präsidenten plant.
Kanzlerkino ist ein gut geschriebener und sehr lesbarer Roman über Macht, Mief und Muff in der Wendezeit, der mit all ihren Insignien spielt, der die Beziehungen der Mächtigen ins Absurde dreht, ohne aber seine Protagonisten, ja die Wendejahre selbst der Lächerlichkeit preiszugeben. Man fühlt mit den Menschen im Roman, mit ihren Schwächen und Ängsten, bleibt aber gleichzeitig immer auch Beobachter des Schauspiels, das der Autor auf die Bühne bringt. Ein schönes Buch und ein großartiges Lesevergnügen.
Irmgard Hölscher, Frankfurt a.M.
- Verlag
- Schöffling
- Erscheinungsdatum
- 20.08.2026
- ISBN/EAN
- 978-3-69097-019-8
- Format
- Einband - fest (Hardcover)
- Seiten
- 272
- Preis
- 25,00 €
- Status
- lieferbar
Zur Autorin / Zum Autor
Mirko Bonné, geboren 1965 in Tegernsee, lebt in Hamburg und der Provence. Für seine Übertragungen aus dem Französischen und Englischen, u. a. von Joseph Conrad, John Keats, Grace Paley und Oscar Wilde, erhielt er zuletzt den Hamburger Literaturpreis für Übersetzung 2020. Für sein schriftstellerisches Werk, das neben vielbeachteten und wiederholt für den Deutschen Buchpreis nominierten Romanen auch Lyrik und Essays umfasst, wurde er u.a. mit dem Prix Relay (2008), dem Marie Luise Kaschnitz-Preis (2010), dem Rainer Malkowski-Preis (2014) und einer Nominierung für den Alfred-Döblin-Preis (2019) ausgezeichnet. Von der Hansestadt Hamburg erhielt er den Hubert-Fichte-Preis 2024 für sein Gesamtwerk, 2025 den Hannelore-Greve-Literaturpreis.www.mirko-bonne.de