Empfehlung von
Irmgard Hölscher, Frankfurt am Main
Anja Gmeinwieser
Wir Königinnen
Roman. Ausgezeichnet mit dem Literaturpreis Fulda 2026
Wer allein zu einer längeren Bergwanderung aufbricht, um sich selbst zu finden, sollte sich auf Veränderungen einstellen. Für die namenlose Wanderin und Ich-Erzählerin zum Beispiel heißt das, sich plötzlich in einem LKW wiederzufinden, der eine Ladung schwangerer Kühe von Frankreich in die Türkei bringen soll. Eigentlich will Anna, die osteuropäische Fahrerin, sie nur bis Mailand mitnehmen, aber wer will schon nach Mailand, wenn das ganz große Abenteuer wartet? Weder die Protagonistin noch diese Leserin, so viel steht fest. Und schon sind wir mitten drin in einem weiblichen Roadmovie, einem Truckerdrama, einem Western bzw. Eastern der Sonderklasse, der locker mit den Genres spielt und sie leichthändig auf den Kopf dreht, dabei zwei völlig verschiedene Lebenswelten gegenüberstellt und wie nebenbei die erschreckende und teils brutale Realität einer ganz anderen Form – nicht nur – europäischer Mobilität in den Blick rückt: die Mobilität der Arbeitsnomaden, die „den Laden am Laufen halten“, ohne die nichts geht, die aber selbst unsichtbar bleiben, ausgebeutet, schlecht bezahlt oder ganz um den Lohn betrogen, die angesichts der leidenden Tiere ihr Gewissen abschalten, weil ihnen nichts anderes übrig bleibt – „Ich regiere nicht die Welt. Ich mache nur meinen Job“ –, sich aber der Brutalität und Unmenschlichkeit dieses Jobs sehr bewusst sind.
All das grundiert den Roman, aber ohne jedes Pathos. Er lebt vor allem vom Sound der Straße, dem ewigen „weiter“ angesichts der Blicke aus dem fahrenden LKW, dem Umgang mit der sich ständig steigernden Hitze, den Staus, den pflichtgemäß zu absolvierenden Pausen, und schließlich – und wieder ganz Western – der Erfahrung der Grenze, die hier allerdings nicht erweitert und überwunden werden kann, sondern der Reise das Ende setzt.
Einen besonderen Reiz bezieht der Roman aus der Lösung, die Gmeinwieser für die Verständigungsprobleme der beiden Frauen gefunden hat: Sie unterhalten sich teils in primitivem (und nicht übersetztem) Englisch, teils mit Hilfe des Google-Übersetzers, der neben einigen Halluzinationen eine gehörige Portion Poesie aufzubieten hat, die wiederum mit den pragmatischen und knappen Äußerungen Annas kontrastieren.
Anja Gmeinwiesers Debutroman Wir Königinnen ist so vieles: spannend, witzig, wütend, rebellisch, resignierend, verzweifelt, hoffnungsvoll, Roadmovie und Liebesroman, Kopfkino vom Allerfeinsten. Einfach großartig!
Irmgard Hölscher, Frankfurt a.M.
- Verlag
- Berlin Verlag
- Erscheinungsdatum
- 27.02.2026
- ISBN/EAN
- 978-3-8270-1528-0
- Format
- Einband - fest (Hardcover)
- Seiten
- 224
- Preis
- 24,00 €
- Status
- lieferbar
Zur Autorin / Zum Autor
Anja Gmeinwieser, geboren 1989, studierte Soziale Arbeit sowie Politik-, Theater- und Medienwissenschaften in München und Erlangen. 2018/19 war sie auf der Shortlist des Wortmeldungen-Förderpreises, 2022/23 Teilnehmerin der Romanwerkstatt des Literaturhauses München und 2023 Finalistin beim open mike. Ihr Roman »Wir Königinnen« wird mit dem Literaturpreis Fulda als bestes Debüt 2026 ausgezeichnet. Sie lebt in der Nähe von Nürnberg.