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Cover: Stabat Mater

Empfehlung von
Ruth Roebke, Frankfurt am Main

Tiziano Scarpa

Stabat Mater

Roman. Aus dem Italienischen von Olaf Matthias Roth

Venedig im 18. Jahrhundert. Das Ospedale della Pietá ist ein von Nonnen geleitetes Waisenhaus. Hier werden Mädchen aufgezogen, die als Säuglinge anonym dort abgegeben wurden und - soweit Talent vorhanden ist - zu Musikerinnen ausgebildet. Sie verbringen ihre Tage hinter den Mauern in Gleichförmigkeit. Platz für Individualität gibt es nicht. Keine weiß, woher sie stammt, ob von armen Tagelöhnern oder aus adeligem Haus. Sie sind gleich gekleidet und ihr Musiklehrer, schreibt seit Jahren die ewig gleiche Musik, die sie zu den sonntäglichen Gottesdiensten, verborgen hinter einem undurchdringlichen Gitter, aufführen.

Celicia, 16 Jahre alt, ist eine von ihnen. In ihr gärt es. In den schlaflosen Nächten schleicht sie sich zu einem verborgenen Platz im Kloster und hält Zwiesprache. Mit sich und mit ihrer unbekannten Mutter, der sie Briefe auf gebrauchtem Notenpapier schreibt. Und dann ist da noch das Schlangenhaupt, ein medusenhaftes Wesen, ihr Tod, dem sie sich, lebendig begraben wie sie ist, nahe fühlt.

Dann kommt eines Tages ein neuer Lehrer in das Haus. Es ist Antonio Vivaldi und er bringt eine neue Musik mit sich. Er erkennt Cecilias Talent, komponiert Musikstücke für sie und will sie zur Geigenvirtuosin ausbilden. Mit ihm erhält ihr Leben eine Richtung. Als der Lehrer jedoch ihre erträumte Perspektive in der Außenwelt aus Konkurrenz zerstört, sucht sich Cecilia ihren eigenen Weg.

Aus dieser Handlung könnte man 600 Seiten riesigen Kitsch fabrizieren. Tiziano Scarpa tut genau das Gegenteil. Der Text ist schlank, kommt mit wenig Handlung aus. Er besteht aus den inneren Monologen und den fiktiven Briefen Cecilias und einigen sparsamen Dialogen. Das Buch handelt nicht nur von Musik, es ist selbst so geschrieben. Themen werden immer wieder aufgenommen und variiert, das Tempo wechselt rhythmisch. Das ist kunstvoll aber nicht künstlich. Und noch etwas macht Scarpa sehr raffiniert: Der Text schildert die anfängliche Monotonie des Lebens im Waisenhaus nicht nur, er liest sich auch so. Nimmt dann aber mit der ereignisreicher werdenden Handlung selbst an Fahrt auf, wird lebendig und spannend. Nicht nur was geschieht zieht einen zunehmend in seinen Bann, auch wie es geschrieben ist, erfreut durch seine Kunstfertigkeit. Stabat mater ist 140 Seiten doppelte Freude am Lesen.

Dieser Titel ist nicht mehr lieferbar.

Verlag
S. Fischer Verlag
Erscheinungsdatum
2011
ISBN/EAN
978-3-596-18751-5
Format
Einband - flex.(Paperback)
Seiten
144
Preis
9,99 €
Status
nicht lieferbar

Zur Autorin / Zum Autor

Tiziano Scarpa wurde 1963 in Venedig geboren und lebt heute als freier Autor und Journalist in Mailand und Venedig. Seine Bücher wurden in mehrere Sprachen, unter anderem ins Englische, Französische, Spanische und Chinesische, übersetzt.

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