Zum Inhalt springen
Zu den aktuellen Empfehlungen
Cover: Philisterburg

Empfehlung von
Ruth Roebke, Frankfurt am Main

Jacques Decour

Philisterburg

Aus dem Französischen von Stefan Ripplinger

1932 erschien in Frankreich ein schmales Bändchen mit dem Titel „Philisterburg“, geschrieben von einem bis dahin wenig bekannten Autor namens Jacques Decour, und löste – auch schon als Vorabdruck in einer Zeitung – einen Skandal aus. Der Autor beschrieb darin seine Erfahrungen, die er zwei Jahre zuvor als Austauschlehrer in Magdeburg gemacht hatte. Das Buch schildert in Tagebuchform Decours Beobachtungen und Erfahrungen mit Vorgesetzten, Kollegen, Schülern, aber auch mit seinen Zimmerwirtinnen und der Bevölkerung des Ortes. Das ist äußerst scharfsinnig, zuweilen boshaft und teilweise irrwitzig komisch. Decour liest Zeitungen (französische und deutsche), beobachtet Aufmärsche, tauscht sich über die politischen Zustände und Ansichten aus und spart auch dabei nicht mit Witz und Ironie. Er beobachtet Engstirnigkeit und Antisemitismus und das schon bei seinen Schülern, die bereits in jungen Jahren die gleichen verfestigten Ansichten wie die Alten haben und diese mit großer Selbstsicherheit vertreten. Was also hat die französischen Leser daran so aufgeregt?

Es ist die Haltung des Autors, durch die der Text für die damalige Zeit so außergewöhnlich – und heute noch interessant – macht. Decour, der aus dem gehobenen Bürgertum stammt, verabscheut die Bourgeoisie, ist glühender Antinationalist und Verfechter einer Deutsch-Französischen Annäherung. Und er liebt Deutschland – oder besser, die deutsche Literatur von Lessing bis Börne, vor allem aber Goethe. Seine Erfahrungen in „Philisterburg“ beschönigt er nicht, aber er reflektiert ständig über das, was er sieht. Seine Gedanken dazu sind unglaublich klarsichtig, gleich, ob es sich um Frankreich oder Deutschland handelt. Er erkennt deutlich, in welche Richtung die Entwicklung in Deutschland führen wird, entlässt aber Frankreich und das übrige siegreiche Europa nicht aus der Verantwortung, denn er schreibt ihnen im Umgang mit den Verlierern des Krieges einen Anteil daran zu . Manchmal schießt er mit seinem Bestreben, den Deutschen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, auch übers Ziel hinaus. Sein Wunsch nach Aussöhnung zwischen den Völkern und nach einer Europäischen Union (!) zeigt deutlich, was Europa nach der zweiten schrecklichen Kriegserfahrung gewonnen hat. Das verleiht dem Buch Aktuaität.

Das Vorwort, das den Autor, der den meisten sicherlich unbekannt ist,vorstellt und seinen kurzen Lebensweg vom rebellierenden Gymnasiasten bis zum Mitglied der Restisténce nachzeichnet, hilft bei der Einordnung des zunächst recht uneinheitlich wirkenden Textes. Das Buch endet mit zwei Abschiedsbriefen, die Decour 1942, in der Nacht vor seiner Hinrichtung durch die Deutschen, an seine Eltern und seine Tochter geschrieben hat.

Verlag
Die andere Bibliothek
Erscheinungsdatum
2014
ISBN/EAN
9783847730057
Format
Einband - fest (Hardcover)
Seiten
200
Preis
18,00 €
Status
lieferbar

Zur Autorin / Zum Autor

Jacques Decour (1910–1942) hieß mit bürgerlichem Namen Daniel Decourdemanche und stammte aus Paris, studierte Deutsch, übersetzte – und arbeitete als Lehrer ein Jahr lang in Magdeburg, bevor er in Paris unterrichtete. Er ist zusammen mit Jean Paulhan 1942 Begründer der berühmten Résistance-Zeitschrift Les Lettres francaises im besetzten Frankreich. Im gleichen Jahr wird er von der französischen Polizei an die Gestapo ausgeliefert, gefoltert und erschossen. Sein Abschiedsbrief ist ein berührendes Dokument.

Weitere Empfehlungen von Ruth Roebke

8 Empfehlungen