Empfehlung von
Ruth Roebke, Frankfurt am Main
John Dos Passos
Orient-Express
Aus dem Englischen von Matthias Fienbork
„Orient-Express“ – das klingt romantisch, exotisch, abenteuerlich. Aber als der 25-jährige Schriftsteller John Dos Passos sich 1921 entschloss, eine Reise in den nahen Osten zu unternehmen, fuhr er in eine Region, die seit Jahren von Kriegen versehrt wurde. Türken, Araber, Georgier, Armenier waren schon vor dem ersten Weltkrieg in Konflikte verstrickt: Türken gegen Griechen, Russen gegen Türken, Türken gegen Armenier, Armenier gegen Georgier, Georgier gegen die Rote Armee. Der Hunger nach Öl brachte Russen, Briten und Deutsche dazu, ihre Einflusszonen auszuweiten, und mit dem Zerfall des Osmanischen Reiches am Ende des ersten Weltkriegs brach das gesamte fragile Gefüge zwischen Mittelmeer, Kaukasus, Persien und dem Irak zusammen. Die westlichen Mächte versuchten, den Kuchen unter sich aufzuteilen.
Der Bericht über diese monatelange Reise ist kein malerisches Orient-Gemälde, aber auch kein Krisenbericht. Es ist die atemberaubende, rasante, nüchterne, aber auch poetische und ungeheuer farbige Schilderung einer Reise durch Länder, in denen alte Ordnungen hinweggefegt wurden, neue noch nicht vorhanden sind, Tradition und Chaos nebeneinander herrschen.
Dos Passos beginnt seine Reise in Europa. Mit dem Zug fährt er über den Balkan nach Konstantinopel, mit dem Schiff über das Meer in die Türkei. Mit dem Auto und mit Pferdewagen quer durch den Kaukasus nach Persien, mit einer Kamelkarawane sieben Wochen lang durch die syrische Wüste in den Irak. Er sieht Flüchtlinge, Verhungernde und Soldaten, aber auch Anmut, Schönheit und Würde der arabischen Kultur. Er reist mit dubiosen Händlern, Diplomaten und Soldaten. Er spricht mit Würdenträgern, islamischen Fundamentalisten, muslimischen Nationalisten, erlebt Gastfreundschaft und wird ausgeraubt. Jede Seite des Buches ist prallvoll mit beeindruckenden, atemberaubenden Erlebnissen und Schilderungen.
„Orient Express“ ist keine beschauliche, kontinuierliche Reisebeschreibung. Die kurzen Kapitel sind Schlaglichter, oft unverbunden, in einer raschen, zupackenden Sprache, gleichermaßen lakonisch wie von intensiver Farbigkeit. Sinnliche Eindrücke von Gerüchen, Bildern, Geräuschen, winzige Szenen, die atmosphärisch dichte Stimmungen einfangen, unmittelbare Eindrücke, keine Analysen. Das ist atemberaubend zu lesen, fesselnd, erhellend. Einfach großartig!
- Verlag
- Nagel & Kimche
- Erscheinungsdatum
- 2013
- ISBN/EAN
- 978-3-312-00552-9
- Format
- Einband - fest (Hardcover)
- Seiten
- 208
- Preis
- 18,90 €
- Status
- lieferbar
Zur Autorin / Zum Autor
John Dos Passos (1896-1970) ist neben Ernest Hemingway und Scott Fitzgerald einer der wichtigsten Autoren der amerikanischen Moderne. Nach seinem Studienabschluss in Harvard reiste Dos Passos 1916 nach Spanien, schrieb seinen ersten Roman und diente freiwillig in der Sanität der französischen Armee. Nach dem Krieg reiste er als Journalist und Schriftsteller durch Europa, den Nahen Osten und den Kaukasus. Dies inspirierte ihn u.a. zum Reisejournal Orient Express, das 1927 erschien. Dos Passos’ erster großer Erfolg war der Großstadtroman Manhattan Transfer von 1925. In den Dreißigerjahren folgte die Romantrilogie U.S.A. Der enttäuschte Sozialrevolutionär Dos Passos zeichnet darin ein düsteres Sittengemälde Amerikas. Während des Zweiten Weltkriegs reiste er erneut als Kriegsberichterstatter nach Europa. 1947 wurde er in die Amerikanische Akademie für Kunst und Literatur gewählt. Insgesamt schrieb er mehr als vierzig Romane, daneben Essays, Gedichte und Theaterstücke.