Empfehlung von
Ruth Roebke, Frankfurt am Main
Gwenaelle Aubry
Niemand
Roman. Aus dem Französischen von Dieter Hornig
Gwenaëlle Aubry hatte einen wundervollen Vater. Er war ein begabter Jurist, Autor mehrerer Bücher, hielt Vorlesungen, war charmant, phantasievoll und liebte seine beiden Töchter. Aber das war nur eine Seite seiner Persönlichkeit. Die andere war ein Mann, der seit jungen Jahren an einer manisch-depressiven Psychose litt, die ein „normales“ Leben mit ihm zunehmend verhinderte und an der die Familie zerbrach. Als er starb, fand die Autorin unter seinen Aufzeichnungen ein autobiographisches Manuskript mit dem Titel „Das melancholische schwarze Schaf“, versehen mit dem Zusatz „à romencer“ - einen Roman daraus machen. Daraufhin beginnt sie, ihre eigenen Erinnerungen an den Vater aufzuschreiben, im Dialog mit seinen Notizen. Sie gliedert den Text in unterschiedlich lange Abschnitte, geordnet von A-Z, „diese Ordnung ohne Bedeutung, mit deren Hilfe ich versucht habe, seine Unordnung in den Griff zu bekommen und meine ...“. Mit den Begriffen, die sie wählt, umkreist sie das Leben des Vaters und das eigene, mal in engen, mal in weiteren Kreisen.
So findet sich unter F wie „Flic“ sein Verhältnis zum Gesetz, das er verehrte, das ihm Sicherheit gab und das zu übertreten er liebte. Buchstabe L ist „Léaud (Jean-Pierre)“, Truffauts Lieblingsschauspieler, dessen Äußeres, aber auch dessen nervöse Outriertheit dem Vater glichen. Q bezeichnet Qualités (homme sans), den Mann ohne Eigenschaften, denn: „Am Ende seines Lebens wollte mein Vater nichts sein.“
„Niemand“ ist ein ungewöhnliches Buch, ein kleines Juwel. Mit großer Einfühlsamkeit, fern jeder Sentimentalität, geschrieben in einer feinen, schönen Sprache. Und vielleicht muss man bei diesem Thema auch noch sagen, was der Text nicht ist: weder eine Heroisierung des Wahnsinns, auch wenn der erste Abschnitt, A, mit Antonin Artaud beginnt, noch eine Klage darüber, was ihr, der Tochter, in diesen zerstörerischen Verhältnissen angetan wurde. Im Gegenteil. Aus jeder Zeile des Buches sprechen Achtung und Liebe und der beständige Versuch zu verstehen, den Vater, die Krankheit, die Verhältnisse und sich selbst.
- Verlag
- Literaturverlag Droschl
- Erscheinungsdatum
- 2013
- ISBN/EAN
- 9783854208433
- Format
- Einband - fest (Hardcover)
- Seiten
- 152
- Preis
- 18,00 €
- Status
- lieferbar
Zur Autorin / Zum Autor
Gwenaelle Aubry, geboren 1971, lehrte Philosophie an der Université Nancy 2 und an der Sorbonne, übersetzte Plotin und schrieb
mehrere Romane; für Niemand (2009) erhielt sie den Prix Femina.