Empfehlung von
Irmgard Hölscher, Frankfurt am Main
Mirko Bonné
Nie mehr Nacht
Es beginnt wie ein Roadmovie: Ein Mann und ein Junge, Onkel und Neffe, in einem alten Mercedes auf dem Weg von Hamburg in die Normandie. Dort soll Markus, der Onkel, für eine Kunstzeitschrift Brücken zeichnen, die 1944 bei der Invasion der Alliierten eine Rolle gespielt haben. Der 15jährige Neffe will zu seinem besten Freund Niels, dessen Eltern und Geschwister in den Ferien ein verlassenes Strandhotel in der Normandie hüten. Die beiden streiten über den richtigen Weg, die richtige Musik und die richtige Übernachtung, nur über das, was sie bewegt – den Selbstmord von Ira, Jesses Mutter und Markus‘ Schwester – sprechen sie nicht. Aber während Jesse nach der Ankunft bei der Familie seines Freundes Halt und einen gewissen Trost findet, bleibt Markus mit seiner Trauer allein. Als die anderen nach einer Woche wieder zurück nach Hause fahren, beschließt er zu bleiben – und bricht damit zu einer anderen Reise auf, einer Reise in die Tiefen seiner Vergangenheit und seiner Seele. Auf solch einer Reise ist Gepäck nicht nur überflüssig, sondern hinderlich, und so gibt er alles auf, was sein bisheriges Leben ausmachte: Auto, Zeichenmaterial, Ausweise, Kreditkarten, Bargeld. Zurück auf Null, sozusagen.
Mirko Bonné, der schon in seinen beiden früheren Prosawerken das Reisen in den Mittelpunkt gestellt hat, nimmt die Leser hier mit auf eine Reise, die ihresgleichen sucht. Eine Reise durch die Landschaft der Normandie, durch die Spuren der Zerstörung, die der Krieg darin hinterlassen hat, und durch die riesigen Gräberfelder, in denen Soldaten liegen, die kaum älter wurden als achtzehn. Durch all diesen Tod hindurch führt die Reise dann immer tiefer in die Unterwelt, von der und in der, wie wir aus dem Orpheus-Mythos wissen, nicht gesprochen werden darf, zumindest nicht von den Lebenden. Bonné gelingt das Kunstwerk, durch eine täuschend schlichte und bestechend klare Sprache die Seelenräume sichtbar zu machen, die sich der Sprache selbst entziehen, in denen der Mensch existenziell allein und Kommunikation weder möglich noch nötig ist. Und wenn er uns aus dieser Tiefe wieder hinausführt, sieht die Welt – nicht nur im Roman – ganz anders aus. Ein Meisterwerk.
- Verlag
- Schöffling Verlag
- Erscheinungsdatum
- 2013
- ISBN/EAN
- 9783895614064
- Format
- Einband - fest (Hardcover)
- Seiten
- 360
- Preis
- 19,95 €
- Status
- lieferbar
Zur Autorin / Zum Autor
Mirko Bonné, geboren 1965 in Tegernsee, lebt in Hamburg.
Neben Übersetzungen von u. a. Sherwood Anderson, Robert Creeley, E. E. Cummings, Emily Dickinson, John Keats und William Butler Yeats veröffentlichte er bislang vier Romane und fünf Gedichtbände sowie Aufsätze und Reisejournale. Für sein Werk wurde Mirko Bonné vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Ernst Willner-Preis (2002), dem Prix Relay du Roman d'Evasion (2008) und dem Marie Luise Kaschnitz-Preis (2010).