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Cover: Nationaldenkmal

Empfehlung von
Irmgard Hölscher, Frankfurt am Main

Julia Deck

Nationaldenkmal

Aus dem Französischen von Sina de Malafosse

Ambre hat alles erreicht, was sie sich je erträumt hat: sie hat den berühmten und zudem sehr reichen Schauspieler Serge Langlois geheiratet, lebt in einem wunderschönen Schloss mit hingebungsvollem Personal, das sich jeden Abend zum Aperitif mit der Herrschaft im Salon versammelt, hat es bis zur Unesco-Botschafterin mit Millionen Followern auf Instagram gebracht und das einzige Problem, das ihr Glück trübte – sie konnte keine Kinder bekommen – durch die Adoption von Joséphine und Orlando, einem Zwillingspärchens aus Zentralasien, erfolgreich gelöst. Das alles erfahren wir aus dem Mund von Joséphine, die uns die Geschichte vom Aufstieg und vor allem vom Niedergang des Hauses Langlois erzählt, ein Niedergang, ausgelöst und in Szene gesetzt durch das undurchsichtige Kindermädchen Cendrine, die im Schloss zunehmend die Fäden zieht und – aus undurchsichtigen Gründen – das sorglose Leben der Bewohner gezielt und hingebungsvoll zerstört. Wie das gelingt, soll hier nicht verraten werden, so viel Spannung muss schon sein, auch wenn Nationaldenkmal keineswegs ein Thriller ist. Denn was Julia Deck die kleine Joséphine in ihrer wunderbar klaren Sprache beschreiben lässt, ist nicht so sehr der Niedergang einer Familie, sondern der Niedergang einer ganzen Gesellschaft. In einem wilden, bitterbösen Panorama kontrastiert sie die Leserin mit völlig verschiedenen Welten, scheinbar so weit voneinander entfernt wie die Erde vom Mond und dennoch auf vielfältigste Weise miteinander verbunden: Superreiche und Supermarktkassiererinnen, frustrierte Millionärinnen und abgehalfterte Personal Trainer, Elyséepalast und Gelbwestenproteste. Die scharfsichtige Joséphine, die das Spiel von Anfang an durchschaut, scheint als einzige die Bodenhaftung nicht zu verlieren und Schein von Wirklichkeit trennen zu können, aber auch hier schleicht sich bei der Lektüre zunehmend Misstrauen ein.

Nationaldenkmal ist ein außergewöhnliches Buch, wunderbar geschrieben und absolut lesenswert. Die Art, in der Julia Deck mit den Regeln des Genres spielt und sie gleichzeitig lustvoll dekonstruiert, macht die Lektüre zum reinen Vergnügen, wirft aber danach die verstörende Frage auf, wie man in einer Welt leben soll, in der der Schein zur Wirklichkeit und die Wirklichkeit zum Schein geworden ist.

Verlag
Wagenbach Verlag
Erscheinungsdatum
2022
ISBN/EAN
978-3-8031-1371-9
Format
Einband - fest (Hardcover)
Seiten
168
Preis
24,00 €
Status
lieferbar

Zur Autorin / Zum Autor

Julia Deck wurde 1974 in Paris geboren. Sie studierte Literatur an der Sorbonne und arbeitete für zahlreiche Zeitungen und Zeitschriften. Heute unterrichtet sie an einer Journalistenschule.

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