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Cover: Meine Großmutter

Empfehlung von
Ruth Roebke, Frankfurt am Main

Fethiye Çetin

Meine Großmutter

Erinnerungen. Aus dem Türkischen von Christina Tremmel-Turan und Tevfik Turan

Im Februar 2000 erschien in der einzigen armenischen Zeitung der Türkei eine Anzeige zum Tod von Heranus Gardarian, aufgegeben von ihrer Enkelin, der Rechtsanwältin Fethiye Cetin. Heranus Gardarian hat ihr Leben als Türkin unter dem Namen Seher Teyze in dem Dorf Maden verbracht. Dass sie als Armenierin geboren wurde und während der türkischen Vertreibung von ihrer Familie getrennt wurde, hat sie erst sechzig Jahre nach diesem Ereignis nach und nach der Enkelin erzählt. Und auch die hat noch einmal Jahre gebraucht, bis sie das Gehörte verarbeitet hatte und ihrerseits das Schweigen brach.

„Meine Großmutter“ beginnt mit Erinnerungen an die Kindheit von Fethiye Cetin, in der ihre Großmutter eine wichtige Rolle spielte. Diese war eine kleine, energische Person, geliebt von ihrer Familie, bei den Nachbarn geachtet, eine selbstbewusste Ehefrau und gläubige Muslimin. Ende der 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts begann die Großmutter der Enkelin, zu der sie eine besonders enge Bindung hatte, nach und nach aus ihrer Kindheit zu erzählen: von ihren Erinnerungen an die Eltern, vom Aufwachsen in einer kleinen Stadt, die überwiegend von Armeniern bewohnt war. Davon, wie im Sommer 1915 Gendarmen kommen, Frauen und Kinder auf dem Kirchhof einsperren und die Männer davonführen. Wie ein Mädchen, auf den Schultern ihrer Schwestern stehend, berichtet, dass die Gendarmen den Männern die Kehle durchschneiden und sie in den Fluss werfen. Dass sie danach mit Tausenden anderen auf den Todesmarsch gehen muss und ein türkischer Offizier sie von ihrer Mutter trennt und mitnimmt nach Cermik, wo sie als seine Stieftochter aufwächst.

Während die Großmutter beim Erzählen die Schrecken dieser Zeit noch einmal durchlebt, erlebt die Enkelin den Schock, dass ihre Herkunft völlig anders ist, als sie ihr Leben lang geglaubt hat. Sie, die als Kind begeistert nationalistische Gedichte rezitierte und das Thema „Armenien“ nur beiläufig aus türkischer Sicht kannte, erfährt nun eine ganz andere Realität. Dieser Konflikt ist für sie so groß, dass sie es erst nach dem Tod der Großmutter fertig bringt, deren Erinnerungen aufzuschreiben.

Das Ergebnis ist dieses kleine Buch und es ist sicher keine literarische Sensation. Der Stil ist schlicht und undramatisch. Es enthält weder historische Analysen noch prangert es die immer noch aktuelle Kultur des Verleugnens in der Türkei an. Der Text erzählt ein individuelles Schicksal und bleibt ganz nah bei den Protagonisten, obwohl klar wird, dass es sich nicht um ein Einzelschicksal handelt. Dass er so persönlich bleibt und nicht zur grundsätzlichen Anklage ausholt, ist sicher mit ein Grund, warum das Buch in der Türkei bereits in mehreren Auflagen erschienen und die Autorin von Zensur und Staatsanwaltschaft bisher unbehelligt geblieben ist. Das alleine ist schon ein kleines Wunder.

Verlag
Verlag Auf dem Ruffel
Erscheinungsdatum
2011
ISBN/EAN
978-3-933847-32-4
Format
Einband - fest (Hardcover)
Seiten
120
Preis
17,00 €
Status
lieferbar

Zur Autorin / Zum Autor

Fethiye Çetin wurde in der Kreisstadt Maden bei Elazig, Osttürkei, geboren, wo sie auch die Schule besuchte. Sie studierte Jura an der Universität Ankara. Als Anwältin engagiert sie sich auf dem Gebiet der Menschenrechte, insbesondere der Minderheitsrechte. Çetins Buch Meine Großmutter erschien 2004 in Istanbul. Es wurde in mehrere Sprachen, darunter ins Ostarmenische und Westarmenische, übersetzt und erhielt den Marseiller Armenia-Preis. Auch ihr zweites, 2009 mit Ayse Gül Altinay herausgegebenes Buch Die Enkel handelt von der verdrängten Identität Überlebender der Verfolgung im Osmanischen Reich 1915/16, diesmal gesehen aus dem Blickwinkel ihrer Kindeskinder. Fethiye Çetin war die Anwältin des 2007 ermordeten armenischen Journalisten Hrant Dink. Zu ihren Mandanten heute gehören neben der Familie Dink die in Istanbul erscheinende armenische Zeitung Agos und die Hrant-Dink-Stiftung.

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