Empfehlung von
Irmgard Hölscher, Frankfurt am Main
Leo Agren
Leo Nilheims Geschichte
Übersetzt von Erik Gloßmann
Bei einer Zufallsbegegnung in Leningrad lernt der Autor den Dolmetscher Leo Nilheim kennen, der ihn auf einen Kognak in seine Wohnung einlädt. Dabei stellt Ågren erstaunt fest, dass Nilheim die finnische Provinz Österbotten, aus der er stammt, tatsächlich kennt – und zwar aus dem Jahr 1944 im Großen Vaterländischen Krieg. Und dann erzählt Nilheim ihm seine Lebensgeschichte. Er erzählt von der Kindheit und Jugend in einem gottverlassenen Dorf zur Stalinzeit, vom Tod der Großmutter und des Vaters, von Kinderstreichen und erster Liebe. Dann geht es in den Krieg, nach einer kurzen Rekrutenzeit, in der er lernte, Holzgewehre zu präsentieren und im Stehen zu schlafen. Er erzählt von der finnischen Front, von brutalen Vorgesetzten und seiner Verurteilung zum Tod durch Erschießen, weil er zur Unzeit eingeschlafen war. Von der unerwarteten Rettung durch einen finnischen Angriff, vom Hunger und Elend in Arbeits- und Konzentrationslagern, von der Angst, als Jude deportiert zu werden, obwohl seine Mutter selbst nicht wusste, ob sie nun Jüdin war oder nicht. Und er erzählt davon, wie er aus dem Elend des Lagers zur Zwangsarbeit bei einem karelischen Bauern abgeordnet – und endlich wieder wie ein Mensch behandelt wurde.
Es ist ein schmales, unspektakuläres Büchlein, das uns Leo Ågren da hinterlassen hat, und die Bezeichnung „Roman“ auf dem Titelblatt ist sicherlich übertrieben. Aber es ist auch ein wichtiges, streckenweise witziges, streckenweise tragisches Werk über Krieg und Zusammenleben, das zum Nachdenken zwingt. In Schweden 1971 erschienen, wurde es im Zusammenhang mit dem Vietnamkrieg viel diskutiert. Heute, wo Krieg und die Kriegsrhetorik wieder selbstverständlich zu werden scheint, sollte man es unbedingt wieder lesen.
- Verlag
- Osburg Verlag
- Erscheinungsdatum
- 2014
- ISBN/EAN
- 9783955100384
- Format
- Einband - fest (Hardcover)
- Seiten
- 160
- Preis
- 17,99 €
- Status
- lieferbar
Zur Autorin / Zum Autor
Leo Ågren, geboren 1928 in der vorwiegend schwedischsprachigen finnischen Provinz Österbotten, erlernte den Beruf eines Schriftsetzers und debütierte 1954 mit dem Roman Hunger i skördetid. Für sein Werk wurde er mit mehreren Literaturpreisen und Stipendien ausgezeichnet. Anfang der 1960er übersiedelte er nach Stockholm. 1971 erschien sein letzter Roman Krigshistoria, der nunmehr unter dem Titel Leo Nilheims Geschichte in deutscher Sprache vorgelegt wird. Leo Ågren starb 1984 in Stockholm.