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Cover: Lebensstufen

Empfehlung von
Ruth Roebke, Frankfurt am Main

Julian Barnes

Lebensstufen

Aus dem Englischen von Gertraude Krueger

In drei, zunächst disparat scheinende, Teile gliedert sich „Lebensstufen“, das neueste Buch des großartigen englischen Romanciers Julian Barnes.

Der erste Teil, „Die Sünde der Höhe“, beginnt mit dem Satz „Man bringt zwei Dinge zusammen, die vorher nicht zusammen gebracht wurden, und die Welt hat sich verändert.“ Er handelt von der Ballonfahrt und ihren verwegenen Pionieren.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde das Fliegen mit Wasserstoffballons erprobt, eine neue Möglichkeit, große Höhe zu erreichen und weite Strecken zu überbrücken. Die Gefahr, durch Explosion oder Absturz ums Leben zu kommen, war hoch, aber begeisterte „Ballonatiker“ schreckte das nicht. Man flog, wie Colonel Fred Burnaby, alleine in einem kleinen Korb, zu zweit, wie Sarah Bernhardt und ihr Liebhaber, der Maler Georges Clairin, oder zu mehreren in einer Art riesiger fliegender Hütte. Verwegene rauchten ihre Zigarren unter dem Wasserstoffgemisch, Verliebte schlürften Champagner; Félix Tournachon nahm gleich sieben weitere Reisende mit auf seinen Flug.

Zu den Flugabenteurern gehörte auch Nadar, der berühmte Pionier der Fotografie. Er ist der erste, der die Erde aus einem fliegenden Objekt ablichtet und damit den Blick der Menschen auf ihre Welt einschneidend und endgültig verändert – vergleichbar wohl nur den von Astronauten gemachten Bilder der hinter dem Mond aufgehenden Erde.

Der zweite Abschnitt, „Auf ebenen Bahnen“, beginnt mit den Worten: „Man bringt zwei Dinge zusammen, die vorher nicht zusammen gebracht wurden; und manchmal funktioniert es, manchmal auch nicht.“ Dieser Teil erzählt von der kurzen Liebesaffäre zwischen dem Abenteurer und „Ballonatiker“ Colonel Burnaby mit Sarah Bernhardt, der berühmtesten Schauspielerin ihrer Zeit. Als sich die beiden kennenlernen, spielt sich Burnabys Leben zwischen den Risiken eines Tods im Ballon, in kriegerischen Scharmützeln oder auf Reisen ab. Sarah Bernhardt ist auf der Höhe ihres Ruhmes. Das Publikum liegt ihr zu Füßen, ihre Liebhaber wechselt sie nach Belieben. Hier begegnen sich zwei unabhängige, auf ihre Autonomie bedachte Menschen, und ein Feuerwerk entzündet sich. Aber die Liebe ist, wie so oft, nicht gleichmäßig verteilt, und „wenn wir uns empor schwingen, können wir auch abstürzen. Eine weiche Landung ist selten. (...) Jede Liebesgeschichte ist eine potentielle Leidensgeschichte.“ So auch hier – Bernhardt verlässt Burnaby, als dieser sich zum ersten Mal vorstellen kann zu heiraten und ihre Liebe in die feste Form der Ehe pressen will.

„Manchmal werden zwei Menschen zusammengebracht, es funktioniert und die Welt hat sich verändert. (...) Dann wird irgendwann, früher oder später, aus dem einen oder anderen Grund, einer von beiden weggenommen. Und was weggenommen wurde, ist größer als die Summe dessen, was vorher dagewesen war. Mathematisch mag das nicht möglich sein, aber emotional ist es möglich.“ So beginnt der dritte Abschnitt, „Der Verlust der Tiefe“, in dem Julian Barnes über die Liebe zu seiner Frau, ihren unerwarteten Tod und die darauf folgenden Jahre schreibt. Auf knapp vierzig Seiten, immer wieder Motive und Bilder aus den vorherigen Abschnitten aufnehmend, erforscht er das ihn seitdem beherrschende Gefühl der Trauer. Nüchtern und mit großer Klarheit beschreibt er seine wechselnden Gefühlszustände, Reaktionen auf das Verhalten seiner Freunde, die Abwehr aller billigen Trostangebote. Er dreht und wendet seinen Schmerz, betrachtet ihn von allen Seiten, ohne sentimental zu werden, und er besteht auf seiner Trauer, ohne in Selbstmitleid zu versinken. Dazwischen immer wieder in Abständen der Satz: „Da verrichtet das Universum seine Arbeit“.

„Lebensstufen“liest sich, als höre man ein wunderbares Musikstück, in dem Themen immer wieder aufgenommen und variiert werden, die Klangfarbe von himmelsstürmendem Dur zu sanftem, tiefen Moll wandert und Herz und Verstand des Lesers gleichermaßen berührt werden. Ein vielschichtiges und weises Buch, leicht zu lesen, von großer Tiefe – einfach ganz großartig!

Dieser Titel ist nicht mehr lieferbar.

Verlag
Verlag Kiepenheuer & Witsch
Erscheinungsdatum
2015
ISBN/EAN
9783462047271
Format
Einband - fest (Hardcover)
Seiten
144
Preis
16,99 €
Status
nicht lieferbar

Zur Autorin / Zum Autor

Julian Barnes, geboren 1946, erhielt zahlreiche europäische und amerikanische Literaturpreise, 2011 wurde er mit dem Man Booker Prize ausgezeichnet. Er hat ein umfangreiches erzählerisches Werk vorgelegt, u.a. die Romane Flauberts Papagei, Darüber reden und Arthur&George.

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