Empfehlung von
Ruth Roebke, Frankfurt am Main
Stefan Berg; Günter de Bruyn
Landgang
Ein Briefwechsel
Im Dezember 1981, als die politischen Blöcke heftig aufrüsteten, fand in Ostberlin ein Treffen von Schriftstellern aus West- und Ostdeutschland statt. Stefan Hermlin hatte es organisiert, wobei seine Bekanntschaft mit Erich Honecker für die Genehmigung von offizieller Seite hilfreich gewesen sein dürfte. Alles, was in beiden Teilen des Landes Rang und Namen hatte, war anwesend – sogar Personen, die dem Regime unliebsam waren. Man kann davon ausgehen, dass die DDR-Führung zu diesemZeitpunkt mit der „Berliner Begegnung zur Friedensförderung“ politische Offenheit und Friedenwillen demonstrieren wollte. Offen über das Treffen berichtet wurde allerdings nur in Westmedien. Wie üblich kursierten die Beiträge aber nur wenige Zeit später in den einschlägigen oppositionellen Kreisen der DDR.
So erhielt der siebzehnjährige Schüler Stefan Berg Kenntnis von der Rede des Schriftstellers Günter de Bruyn, in der dieser auf den Widerspruch der DDR-Führung aufmerksam machte, die die Friedensbewegungen im Westen begrüßte, die Friedensbestrebungen unabhängiger Gruppen im eigenen Land aber strikt ablehnte und unterdrückte. Stefan Berg steht zu dieser Zeit vor der wichtigen Entscheidung, sich – wie üblich – „freiwillig“ zur NVA zu melden oder den Dienst an der Waffe abzulehnen und „Bausoldat“ zu werden – was nicht mit dem „Zivildienst“ in der Bundesrepublik zu vergleichen ist, sondern ebenfalls ein kasernierter Militärdienst in Uniform ist, nur ohne Ausbildung an der Waffe. Berg bedankt sich bei de Bruyn für dessen offene Worte und bittet ihn um Rat. Daraus entwickelt sich ein Briefwechsel, der die gesamte Wehrdienstzeit des jungen Mannes über dauert und den die Stasi selbstverständlich überwacht. In den Briefen geht es um Literatur, um Politik aber vor allem um Bergs Leben als Bausoldat. Um die Langeweile, die schlechte Unterbringung (im Winter in Zelten!), die Missachtung und Regelverstöße der Vorgesetzten. Berg wehrt sich, schreibt Eingaben an höhere Dienststellen – auch darüber berichtet er in seinen Briefen. Der um vieles ältere de Bruyn, in dem diese Schilderungen ungute Erinnerungen an die eigene Militärzeit als junger Mann im Nationalsozialismus wachrufen, ist von der Offenheit des jungen Mannes berührt – und besorgt. In seinem Nachwort scheibt er von der „Besorgnis um den intelligenten und sensiblen Jungen, der die übliche Spaltung zwischen verschwiegener eigener und verlautbarter Meinung nicht mitmachen wollte ...“
Der Briefwechsel ist durch ein einleitendes Vorwort von Stefan Berg und ein Nachwort von Günter de Bruyn gerahmt und durch Protokolle der Stasi ergänzt. Beim Lesen fragt man sich ständig, ob die Briefpartner einfach Glück hatten oder welchem Umstand sie es sonst verdankten, ungeschoren davon gekommen zu sein. Denn die Offenheit, mit der Berg über seinen Unmut schreibt, über Schikanen und über seine Sehnsucht, dem Militär zu entfliehen, lässt nichts zu wünschen übrig. Er überlegt sogar ganz offen, ob Flucht eine Alternative sein könnte – was er aber nachdrücklich verneint.
„Landgang“ ist ein erstaunliches Dokument von persönlichem Mut und Freiheitswillen, das dem Leser die ständige Einengung und Bedrohung im alltäglichen Leben der DDR so unspektakulär wie beeindruckend vor Augen führt.
- Verlag
- S.Fischer Verlag
- Erscheinungsdatum
- 2014
- ISBN/EAN
- 9783100001566
- Format
- Einband - fest (Hardcover)
- Seiten
- 144
- Preis
- 17,99 €
- Status
- lieferbar
Zur Autorin / Zum Autor
Stefan Berg wurde 1964 in Ostberlin geboren. Nach dem Abitur 1982 Wehrdienst als Bausoldat. Seit 1986 Redakteur bei verschiedenen kirchlichen Zeitungen. 1991 Wechsel zum ›Deutschen Allgemeinen Sonntagsblatt‹. Seit 1996 schreibt Stefan Berg für den SPIEGEL. 2011 erschien die Erzählung ›Zitterpartie‹ (Edition Chrismon/Suhrkamp).
Günter de Bruyn, 1926 in Berlin geboren, lebt im brandenburgischen Görsdorf als freier Schriftsteller. Er wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u.a. dem Heinrich-Böll-Preis, dem Thomas-Mann-Preis und dem Johann-Heinrich-Merck-Preis. Zu seinen wichtigsten Werken gehören u.a. die beiden kulturgeschichtlichen Essays ›Als Poesie gut‹ und ›Die Zeit der schweren Not‹, die autobiographischen Bände ›Zwischenbilanz‹ und ›Vierzig Jahre‹ sowie die Romane ›Buridans Esel‹ und ›Neue Herrlichkeit‹.