Empfehlung von
Ruth Roebke, Frankfurt am Main
Amber Dermont
In guten Kreisen
Aus dem Amerikanischen von Rainer Schmidt
Auf der Highschool sind Jason sind und sein Freund Cal unzertrennlich. Sie teilen sich ein Zimmer und sind ein eingespieltes, in den Schulregatten unschlagbares Segelteam. Jede freie Minute verbringen sie auf dem Wasser, lernen Wind und Wellen lesen. Ihre Körper sind perfekt aufeinander eingespielt. Für den sensiblen Jason, der dem Wohlstand seines Elternhauses skeptisch gegenüber steht und mit wachem Blick das Verhalten seiner privilegierten Mitschüler beobachtet, ist die Zeit auf dem Wasser das wahre Leben.
Aber dann begeht Cal Selbstmord und Jason, völlig aus der Bahn geworfen, wird von der Schule verwiesen. Er wechselt an die Bellington Highschool, ein exklusives, freizügiges Internat für aus dem Ruder gelaufene Kinder reicher Eltern. Hier lernt er die eigenwillige Aidan kennen, die ihn fasziniert und ihm wieder Orientierung gibt. Als ein Orkan auf die Ostküste trifft, kommt es zu einem erneuten Unglück.
„In guten Kreisen“spielt Ende der Achtzigerjahre, kurz vor dem Börsencrash. Was wie eine übliche „Coming-of-Age-Geschichte“ beginnt, entwickelt sich zum vielschichtigen, sensiblen Portrait eines jungen Mannes, der zwar die Privilegien seiner Kameraden teilt, aber dennoch mit wachen Augen wahrnimmt, welche Deformationen ihr Reichtum mit sich bringt. Hinter den geschliffenen Umgangsformen dieser Jugendlichen verbirgt sich ein weitgehend asoziales Verhalten, gespeist aus dem völligen Fehlen von Empathie und dem Bewusstsein, dass ihnen als Kinder der Finanzelite niemals ernsthaft etwas geschehen wird. Spätestens nach dem Tod seines Freundes, an dem er sich mitschuldig fühlt, fühlt Jason sich endgültig als Außenseiter und ist von den Gesprächen und Späßen der anderen zunehmend abgestoßen.
Amber Dermont, aufgewachsen in einer Familie von Antiquariatsbuchhändlern, hat bisher Kurzgeschichten veröffentlicht. Sie unterrichtet Literatur und Kreatives Schreiben und ihr Romandebüt hat zum Glück nichts von der häufig genormten Glätte solcher Produkte. Es ist formal und inhaltlich erstaunlich ausgereift. Die Handlung ist geschickt aufgebaut, die Sprache lebendig und bildhaft, die Personen sind vielschichtig. Sie nimmt den Leser mit in die Zeit vor dem endgültigen Erwachsensein, in der nichts festgelegt und so vieles möglich scheint. All die Ambivalenzen der Jugend, der Wunsch nach Zugehörigkeit und nach Abgrenzung, unbändige Freude, aber auch Trauer und Scham, Liebe und Sexualität sind Suchbewegungen – bis das Urteil der anderen fällt. So ist die Grenze der Freundschaft zwischen Cal und Jason fließend, und der Übergang zwischen der körperlichen Harmonie beim Segeln zu sexuellen Handlungen spielerisch und leicht. Die Anziehung, die Aidan auf Jason ausübt, beginnt mit der Ausgrenzung der anderen, der Faszination durch ihre, auch äußerliche, Andersartigkeit und der Ahnung, dass sich hinter ihrer Sprödigkeit Verletzung verbirgt. Selbst die gesicherte Welt des Geldes gerät ins Wanken, als der Börsencrash das Vermögen der Eltern einiger Mitschüler vernichtet. Dermont bündelt all das zu Jasons Leidenschaft für das Meer, das – gefährlich und schön – für ihn der einzig wahre, sichere Ort ist.
Dieser Titel ist nicht mehr lieferbar.
- Verlag
- Mare Verlag
- Erscheinungsdatum
- 2015
- ISBN/EAN
- 978-3-86648-192-3
- Format
- Einband - fest (Hardcover)
- Seiten
- 448
- Preis
- 10,00 €
- Status
- vom Verlag als vergriffen gemeldet
Zur Autorin / Zum Autor
Amber Dermont studierte an der University of Iowa, promovierte an der University of Houston und unterrichtet heute als Privatdozentin für Literatur und Kreatives Schreiben am Agnes Scott College in Decatur, Georgia. Ihre Kurzgeschichten wurden in zahlreichen Literaturzeitschriften und Anthologien veröffentlicht. "In guten Kreisen" ist ihr erster Roman.