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Cover: Gefangen im Panoptikum

Empfehlung von
Susanne Rikl, München

Philipp Blom

Gefangen im Panoptikum

Reisenotizen zwischen Aufklärung und Gegenwart

Die Errungenschaften der Aufklärung, die Befreiung der Menschheit aus der Knechtschaft, der Traum von der Herrschaft der Vernunft und vom selbstbestimmten, freien Menschen – was ist daraus geworden? Philipp Blom, einer der klarsichtigsten Historiker unserer Zeit, nimmt seine Leser im jüngsten Band der Reihe Unruhe bewahren mit auf eine Reise durch 400 Jahre Gesellschafts- und Gesinnungsgeschichte. Das Ergebnis ist ebenso ernüchternd wie potentiell mobilisierend: Der Großteil der Menschheit zieht bis heute den „mentalen Horizont auf Sofahöhe“ einem Leben in Freiheit vor.

Was Bloms Reisenotizen von der ersten Seite an so spannend und faszinierend macht, ist, dass er nicht der Verherrlichung der Aufklärungsideale verfällt. Wie jede Idee birgt auch dieser Traum von der Herrschaft der Vernunft einen Abgrund: Die streng hierarchisch nach dem Prinzip der Nützlichkeit geordnete Welt gleicht einem Gefängnis, wie dem 1928 fertig gestellten Presidio Modelo auf der Isla de la Juventud in Kuba. Die Zellen der heute noch zu besichtigenden Ruine waren in einem fünf Stockwerke hohen Kreis zur Mitte hin nur durch Gitter verschlossen und von dem im Kreismittelpunkt stehenden Wachturm alle einsehbar. Vater dieser Idee des Panoptikums ist der 1748 geborene Begründer des Utilitarismus, Jeremy Bentham, der auch nicht davor zurückschreckte, seine Theorie mit einem Menschenversuch zu belegen. Benthams Patensohn John Stuart Mill wurde streng nach utilitaristischen Prinzipien erzogen und wäre mit 20 Jahren fast an der Reinheit der eigenen Prinzipientreue zerbrochen, hätte er nicht erkannt, dass ein erfülltes Leben auch von zufälligen, irrationalen und nutzlosen Erlebnissen abhängt.

Aus dieser Erkenntnis und den Forschungen des Onkels Sigmund Freud zur Triebsteuerung der Menschen zog Edward Bernays, erfolgreicher Werbefachmann im frühen 20. Jahrhundert, sein Geheimrezept der bewussten und intelligenten Manipulation: Statt der Nützlichkeit der Produkte versprachen seine Kampagnen dem Käufer die Transformation des Lebens durch den Kauf der angepriesenen Waren.

Vom Zeitalter des Absolutismus bis zur Gegenwart der totalen Überwachung durch den Algorithmus: dem Ausbruch aus der Unmündigkeit wird heute ein Leben mit Kreditkarte vorgezogen. Und kaum einer bemerkt, dass wir zwar nicht mehr Sklaven eines Königs sind, uns aber vollkommen freiwillig vom totalen Konsum versklaven lassen. Welche Hoffnung bleibt? Die der Kunst und des Erlebens echter Gemeinschaft, meint Blom. Ersteres kann man bei der Lektüre dieses Bandes erfahren, denn so ernüchternd Bloms Erkenntnisse auch sind, die Kunst seiner demaskierenden und treffenden Bilder schafft tatsächlich Raum für Hoffnung.

Verlag
Residenz Verlag
Erscheinungsdatum
2017
ISBN/EAN
9783701734184
Format
Einband - fest (Hardcover)
Seiten
96
Preis
20,00 €
Status
lieferbar

Zur Autorin / Zum Autor

Philipp Blom, geboren 1970 in Hamburg, Studium der Philosophie, Geschichte und Judaistik in Wien und Oxford, Promotion in Geschichte. Blom lebte und arbeitete in London und Paris als Autor und Journalist, seit 2006 in Wien. International bekannt wurde er mit seinen mehrfach ausgezeichneten Sachbüchern über die Aufklärung, den Ersten Weltkrieg und die Zwischenkriegszeit. Daneben verfasste er mehrere Romane. Publikationen u.a.: „Der taumelnde Kontinent. Europa 1900–1914“ (2009), „Böse Philosophen. Ein Salon in Paris und das vergessene Erbe der Aufklärung“ (2011), „Die zerrissenen Jahre. 1918–1938“ (2014), „Bei Sturm am Meer“ (Roman, 2016).

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