Empfehlung von
Ruth Roebke, Frankfurt am Main
Erri De Luca
Fische schließen nie die Augen
Aus dem Italienischen von Annette Kopetzki
Ein 60-jähriger Mann erinnert sich an die Nachkriegsjahre in Italien. Als 10-Jähriger verbringt er die Ferien mit seiner Mutter auf einer Insel im Golf von Neapel. Dieser Sommer ist anders als die vorherigen. Der Vater ist nach Amerika gefahren und versucht dort, Arbeit und vielleicht ein neues Leben für die Familie zu finden. Der Junge, eher schmächtig und in sich zurückgezogen, nähert sich dem Ende der Kindheit. Neue Gedanken und Gefühle erschüttern ihn, sein schmächtiger Körper wird ihm zu klein dafür. Er reibt sich an ihm, fühlt sich eingezwängt, möchte ihn am liebsten zersprengen. Er hasst diesen Zustand, nirgendwo zu Hause zu sein. Nicht unter den Gleichaltrigen, nicht unter den Großen und schon gar nicht im eigenen Körper.
Halt sucht er in den Büchern des Vaters. Daraus versucht er sich die Erwachsenen und ihr für ihn so verwirrendes Verhalten zu erklären, das er mit kühler Neugier beobachtet. Gleichaltrige Spielkameraden hat er auf der Insel nicht. Am wohlsten fühlt er sich bei den Fischern. Er schaut zu, wie sie die Netze einholen, und darf nachts manchmal mit hinaus aufs Meer. Dort, unter den wortkargen Männern, fühlt er sich frei und leicht.
Dann lernt er ein „Mädchen aus dem Norden“ kennen. Sie liegt am Strand unter dem Sonnenschirm neben ihm und liest pausenlos wie er. Ihre Gespräche und Berührungen lassen ihn wachsen. Aber ihre Annäherung, die beginnende Vertrautheit, wird neidisch beobachtet. Drei ältere Jungs fühlen sich plötzlich von dem schmächtigen Bücherwurm in ihrer Schwärmerei für das Mädchen bedroht. Und so wollen sie dem Konkurrenten einen Denkzettel verpassen. Der Junge jedoch denkt weder daran klein beizugeben, noch zu kämpfen. Er sieht in der Auseinandersetzung mit ihnen die Gelegenheit, seinen Kinderkörper loszuwerden, sich buchstäblich ins Erwachsenwerden prügeln zu lassen.
„Fische schließen nie die Augen“ hat sich mir erst beim zweiten Lesen richtig erschlossen. Beim ersten Mal fand ich das Buch eine nette, etwas spröde Coming-of-Age-Geschichte mit irritierenden Passagen. Aber beim erneuten Blättern, bei dem ich mich immer wieder an einzelnen Passagen festgelesen habe, wurde deutlich, wie geschickt dieser so schlicht daherkommende Text gemacht ist. Da erzählt sich der 60-jährige Ich-Erzähler als 10-Jährigen und lässt nebenbei ein paar Sätze aus seinem weiteren Leben einfließen. Und daraus entsteht ein genaues Bild von beiden: dem Jungen und dem Mann, der er geworden ist. Der Text hat eine große Unmittelbarkeit. Nie blickt der Erzähler aus dem besserwissenden Abstand des Erwachsenen auf das Kind, das er gewesen ist, biedert sich aber auch nicht an, indem er versucht, so zu tun, als hätte er nur den Horizont eines 10-Jährigen. Erri de Luca findet wundervolle Sätze für diese Schwelle des Lebens, an der alles Verheißung zu sein scheint, auch wenn man später erkennt, dass es schon die Erfüllung war.
Dieser Titel ist nicht mehr lieferbar.
- Verlag
- Graf Verlag
- Erscheinungsdatum
- 2013
- ISBN/EAN
- 9783862200474
- Format
- Einband - fest (Hardcover)
- Seiten
- 160
- Preis
- 16,99 €
- Status
- nicht lieferbar
Zur Autorin / Zum Autor
Erri De Luca, geboren 1950 in Neapel, zog mit 19 nach Rom und arbeitete dort als Maurer, LKW-Fahrer und Lagerarbeiter. Im Selbststudium brachte er sich mehrere Sprachen bei, darunter auch Althebräisch, um die Bibel übersetzen zu können. Erst mit 40 begann er zu schreiben und hat seither mehr als 30 Romane, Essays und Übersetzungen veröffentlicht und gehört zu den meistgelesenen, auflagenstärksten Autoren Italiens. 2010 wurde Erri De Luca mit dem Petrarca-Preis ausgezeichnet.