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Cover: Die Caprice der Königin

Empfehlung von
Ruth Roebke, Frankfurt am Main

Jean Echenoz

Die Caprice der Königin

Aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel

Ich bin eine Romanleserin. An Erzählungen stört mich zumeist, dass ich gerade mit den Personen und der Handlung warm geworden bin, wenn der Text schon wieder zu Ende ist, und ich nicht gleich mit der nächsten die Wirkung der gerade gelesenen überdecken will. Es gibt natürlich wunderbare Ausnahmen, bei denen man am Ende jeder Erzählung das Buch zuklappt und noch lange darin lebt.

Dass diese Wirkung bereits nach acht Seiten eintreten kann, habe ich bei der Lektüre von Jean Echenoz neuestem Buch erfahren. Echenoz ist ein Meister der Verknappung. In seinem 2014 erschienenen Buch „14“ hat er auf nur 125 Seiten auf beeindruckende Weise alles beschrieben, was vier Jahre Krieg an der Westfront bedeuteten. Die sieben Erzählungen in seinem neuen (kleinformatigen) Buch sind zwischen acht und achtunddreißig Seiten lang. Sieben Miniaturen, an deren jeweiligem Ende nichts zu einem rundum befriedigendem Leseerlebnis gefehlt hat.

Ein Meisterstück ist die titelgebende Erzählung: Ausgehend von seiner schreibenden Hand, geht der Blick des Erzählers – in einem 360°-Schwenk – in die Landschaft. Er beschreibt das Gesehene und schraubt sich am Ende in die Höhe, um mit einem Sturzflug zu Boden zu fliegen, ins Kleinste zu gehen und mit einer wundervollen, witzigen Pointe die Ebene der Realität zu verlassen.

Die Sujets der Erzählungen sind unterschiedlich, das Erzählprinzip ähnelt sich. Die Handlung ist auf ein Minimum verdichtet, ein eher nüchtern und genau beschreibender Text endet in einem knappen, überraschenden Schluss. Mal heiter, mal ironisch, aber auch von tragischer Wucht. Da der Autor keine Handlungserklärungen bietet, hat der Leser großen Interpretationsspielraum. Echenoz’ Sprache ist elegant und flüssig. Jede Erzählung ist hingetupft wie ein impressionistisches Bild, und alle eint eine Atmosphäre feiner Ironie, freundlicher Distanz und zarter Melancholie. Das ist hohe Erzählkunst und großes Lesevergnügen.

Verlag
Hanser Berlin
Erscheinungsdatum
2016
ISBN/EAN
978-3-446-25217-2
Format
E-Book (Download)
Seiten
144
Preis
6,99 €
Status
lieferbar

Zur Autorin / Zum Autor

Jean Echenoz wurde 1947 in Orange (Provence) geboren, er lebt in Paris. Für seinen Roman "Ich gehe jetzt" wurde er 1999 mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet. Auf Deutsch erschien zuletzt der Roman " 14" (2014).

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