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Cover: Die Ausgelieferten

Empfehlung von
Ruth Roebke, Frankfurt am Main

Per Olov Enquist

Die Ausgelieferten

Roman. Aus dem Schwedischen von Hans-Joachim Maass

1945. In Schweden befindet sich, gemessen an der eigenen Bevölkerung, eine große Zahl von zivilen Flüchtlingen. Unter ihnen ca. 30.000 Menschen aus den baltischen Ländern. Im Mai 1945 flüchten aus diesen Gebieten 3.000 deutsche und 167 baltische Soldaten der Waffen-SS nach Schweden. Sie werden als Kriegsgefangene behandelt und auf verschiedene Lager verteilt. Relativ bald beschließt die schwedische Regierung, sie auf eine vage russische Anfrage hin an die Sowjetunion auszuliefern. Dies war die damals gängige Konvention: Gefangene wurden an die Siegermacht ausgeliefert, aus deren besetzten Gebieten sie geflüchtet waren.

Der Beschluss ruft unter den Gefangenen heftige Proteste hervor. Sie befürchten, nach ihrer Rückkehr erschossen zu werden. Trotz aller Geheimhaltungsversuche der Regierung wird der Vorgang öffentlich, konzentriert sich jedoch fast ausschließlich auf die baltischen Legionäre in deutschem Dienst. Die Kirchen schalten sich ein, die Presse berichtet ausführlich und heizt das Klima emotional auf, die Bevölkerung protestiert. Die Regierung bleibt bei ihrem Beschluss. In der Folge kommt es in den Lagern zu Hungerstreiks, Selbstverstümmelungen und Selbstmorden. Nach monatelangem Zögern werden die Gefangenen im Januar 1946 ins Baltikum verschifft. Dort verliert sich ihre Spur, und um ihr Schicksal beginnen sich Legenden zu ranken.

1967 recherchiert der Journalist und Schriftsteller Per Olov Enquist diesen in Schweden nie in Vergessenheit geratenen Vorgang. Er spricht mit damals verantwortlichen Politikern, mit ehemaligen Wachsoldaten der Lager, mit Ärzten und Pfarrern. Er sichtet Presseartikel, Archivmaterial und private Zeugnisse. Dann reist er ins damals noch sowjetische Baltikum und spricht mit Überlebenden.

Je länger er forscht, je mehr er zu wissen glaubt, umso mehr kommt ihm das Urteilsvermögen abhanden. Nichts ist eindeutig: Unter den Männern befanden sich Halbwüchsige, die in die Armee gepresst worden, aber auch Angehörige von Polizeieinheiten, die an Kriegsverbrechen beteiligt waren. Jeder kann Täter oder Opfer sein. Für die sozialistischen Regierungspolitiker war die Sowjetunion das Land, das Schweden von der deutschen Gefahr befreit hatte, und für sie war Schweden mit dem Makel behaftet, trotz seiner Neutralität die Deutschen durch Erzlieferungen und Transiterlaubnisse unterstützt zu haben. Für Politiker aus dem bürgerlichen Lager war die SU der Inbegriff des Unrechtsstaates, in den man keinen Menschen ausliefern dürfe. Zudem hatten viele Konservative während des Krieges, aber auch noch danach, eine Affinität zum Nationalsozialismus. Die Aussagen der Gefangenen variierten je nach Situation und Befragtem.

Wem konnte der Autor, der von sich als “der Untersucher” spricht, trauen, was glauben? Den Akten von damals, den Gesprächen, die er führte? Und wo steht er selber? Inwieweit ist sein Blick durch das aktuelle Zeitgeschehen der späten sechziger Jahre geprägt? Wie also soll das gehen mit der Objektivität?

So wird das Buch neben dem Versuch, das damalige Geschehen aufzuarbeiten, zu einer Reflexion über politisches Handeln und subjektive Schicksale, historische Gewissheiten und persönliche Urteile. Je länger man es liest, desto mehr kommen dem Leser die eigenen Gewissheiten der persönlichen Urteilsbildung abhanden, und das macht die ungebrochene Aktualität des Textes aus. “Die Ausgelieferten” ist auf unterschiedlichen Ebenen ein spannendes, oft bestürzendes, beeindruckendes und hoch aktuelles Buch.

Verlag
Hanser Verlag
Erscheinungsdatum
2011
ISBN/EAN
978-3-446-23632-5
Format
Einband - fest (Hardcover)
Seiten
480
Preis
24,90 €
Status
lieferbar

Zur Autorin / Zum Autor

Per Olov Enquist, 1934 in einem Dorf im Norden Schwedens geboren, lebt in Stockholm. Nach dem Studium arbeitete er als Theater- und Literaturkritiker. Er zählt heute zu den bedeutendsten Autoren Schwedens. Bei Hanser erschienen zuletzt Der Besuch des Leibarztes (Roman, 2001), Der fünfte Winter des Magnetiseurs (Roman, 2002), Lewis Reise (Roman, 2003), Hamsun (Eine Filmerzählung, 2004), Das Buch von Blanche und Marie (Roman, 2005), Kapitän Nemos Bibliothek (Neuausgabe, 2006) sowie seine Autobiographie Ein anderes Leben (2009), für die er den renommiertesten schwedischen Literaturpreis, den August-Preis, erhielt.

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