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Cover: Der Wanderfalke

Empfehlung von
Ruth Roebke, Frankfurt am Main

J.A. Baker

Der Wanderfalke

Mit einem Vorwort von Robert Macfarlane. Aus dem Englischen von Andreas Jandl und Frank Sievers

Das gleich vorweg: „Der Wanderfalke“ ist ein ganz außergewöhnliches Buch. Ursprünglich bereits 1967 erschienen, hat es der Matthes und Seitz Verlag jetzt in seiner wunderschön aufgemachten Reihe „Naturkunden“ in einer vorzüglichen Übersetzung herausgebracht. Versehen mit einem erhellenden Vorwort des englischen Herausgebers John MacFarlane, das es der Rezensentin schwer macht, nicht nur dessen Ausführungen zu wiederholen.

J.A. Baker, über den man im gesamten Text so gut wie nichts Persönliches erfährt, beobachtet vom Herbst bis zum Frühjahr die Vogelwelt im Südosten Englands. Sein hauptsächliches Interesse gilt den Wanderfalken. Er spürt sie auf, folgt ihnen, und im Laufe der Zeit studiert er immer stärker die Gewohnheiten eines bestimmten Paares. Fast täglich macht er Aufzeichnung von seinen Streifzügen durch diebeinahe menschenleere Gegend. Er beschreibt die Landschaft, den Himmel, die Wolken, das Licht, Geräusche, Gerüche und die Vögel. Tausende tummeln sich in der Grenzregion zwischen Hügeln und Meer. Kiebitze, Ringeltauben, Schnepfen, Stare – und die Falken. Er beschreibt ihren Flug, ihre Rast und ihre Jagd. Das Aufsteigen in schwindelnde Höhen, das Niederstürzen auf die Beute, das Töten. Stundenlang lauert er den Tieren auf, folgt ihnen über weite Strecken. Dabei geht eine Art Verwandlung mit ihm vor. Je genauer seine Kenntnis der Falken wird, desto mehr scheint er sich ihnen anzuverwandeln. Er imaginiert ihren Blick aus großen Höhen auf die potentielle Beute, er versucht, ihr Verhalten vorauszusehen, um die Orte zu erspüren, an die sie fliegen werden, er ertappt sich dabei, ihre Haltung nachzuahmen.

Dabei vergisst er nie, dass er zur Gattung der einzigen Feinde dieser Vögel gehört. Für sie verkörpert er den Tod, denn auch schon in den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts gehörten die Falken zu den stark dezimierten Tierarten, weil die Menschen sie jagten und die Agrarchemie ihre Beutetiere vergiftete. Er beobachtet auch das Verhalten der anderen Vögel. Ihre Angst, das Ducken, die Panik, wenn der Schatten am Himmel erscheint. Seine Haltung dazu ist ambivalent: „Nichts ist schöner und prachtvoller als das Rot frischen Blutes im Schnee. ... Seltsam, dass das Auge lieben kann, was Geist und Körper hassen.“

Vom 1.Oktober bis zum 4. April reichen die Aufzeichnungen. Nach einer kurzen Einführung liest man über 170 Seiten nichts als Beschreibungen. Aber in was für einer Sprache! Nie wird der Text langatmig oder gleichförmig. Dem Autor steht ein unerhörter Reichtum an Ausdruckmöglichkeiten zur Verfügung; Verben und Adjektive in unglaublicher Vielfalt – und wenn die üblichen nicht ausreichen, erfindet er passendere. Er schreibt Sätze, die das Pathos nicht scheuen und doch nie peinlich werden. Und je mehr sich der Text dem Ende nähert, umso dunkler wird er, um schließlich in einem atemberaubenden Absatz zu enden. Eine funkelndere Prosa habe ich noch nie gelesen.

Dieser Titel ist nicht mehr lieferbar.

Verlag
Matthes & Seitz Verlag
Erscheinungsdatum
2014
ISBN/EAN
978-3-88221-393-5
Format
Einband - fest (Hardcover)
Seiten
218
Preis
30,00 €
Status
nicht lieferbar, anderes Format verfügbar

Zur Autorin / Zum Autor

Über John Alec Baker, geboren 1926 in Chelmsford, Ostengland, wo er 1986 starb, ist wenig bekannt. Er arbeitete als Bibliothekar, widmete sein Leben aber weitgehend der Vogelbeobachtung. Neben The Peregrine veröffentlichte er nur ein weiteres Werk,The Hill of Summer.

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