Empfehlung von
Susanne Rikl, München
Sofia Andruchowytsch
Der Papierjunge
Roman. Aus dem Ukrainischen von Maria Weissenböck
Ein verheerender Brand im Jahr 1868 kostet die Mütter von Adelja und Stefa das Leben. Doktor Anger, Adeljas Vater und in Stanislau ein angesehener Arzt, nimmt die Waise Stefa in seinem Haus auf und lässt die Mädchen wie Schwestern aufwachsen. Doch ihre gesellschaftlichen Rollen sind festgelegt: Adelja ist die Dienstherrin, Stefa die Magd. In dem Debütroman von Sofia Andruchowytsch bewegt man sich zwischen diesen beiden Frauen wie in einem Spiegelkabinett, in dem Illusion und Wirklichkeit nicht mehr zu unterscheiden sind.
Es ist Stefania, die außergewöhnlich gebildete Zofe der Arzttochter Adelja, die von dem Leben im Hause Anger erzählt. Von dem schicksalhaften Brand am 18. September 1868, als bei den Lothringers im Garten Marmelade gekocht wurde und die halbe Stadt abbrannte. Von Doktor Anger, der bis zu seinem Tod im Schlaf schrie, weil er von diesem Brand träumte. Von der ménage à trois, in der Stefa, Adelja und deren Mann Petro Skolyk seit der Hochzeit gefangen sind. Von dem Haus mit der sternenbestückten Glaskuppel, das der Steinmetz Skolyk für seine Adelja errichtet. Von dem Jungen, so dünn und biegsam wie Papier, der bei Petro vor dem Magier Thorn Zuflucht sucht und das fragile Gefüge des Dreigestirns aus dem Gleichgewicht bringt. Dass auch noch Josyf, ein ehemaliger Student Doktor Angers, der Stefa verehrte und Adelja küsste, nach Stanislau zurückkehrt – und das mit seiner jungen Frau Iwanka –, trägt nicht gerade dazu bei, die empfindliche Konstellation zu stabilisieren.
In dem Verhältnis der Figuren zueinander bildet sich die unstete Welt ab, die sie umgibt. Technische Neuerungen wie Gasbeleuchtung, Fotografie, Dampflokomotiven und Automobile erscheinen den Menschen wie Magie. Magisch ist auch die Sprache, mit der Andruchowytsch Bilder evoziert, die Gemälden von Gustave Moreau oder Michail Alexandrowitsch Wrubel gleichen. Und so wie diese Bilder von Traum und Ekstase durchdrungen sind, so ist auch Stefas Wahrnehmung weit von der Realität entfernt. Am Ende des Romans erwartet den Leser ein weiterer Brand – und mehr als nur eine überraschende Wendung.
- Verlag
- Residenz Verlag
- Erscheinungsdatum
- 2016
- ISBN/EAN
- 9783701716630
- Format
- Einband - fest (Hardcover)
- Seiten
- 312
- Preis
- 25,00 €
- Status
- lieferbar
Zur Autorin / Zum Autor
Sofia Andruchowytsch, geboren 1982 in Iwano-Frankiwsk, Ukraine, wo sie als Schriftstellerin, Übersetzerin und Essayistin, u. a. für die Literatur-Zeitschrift Tschetwer (Donnerstag), lebt. Sie ist die Tochter des Autors Jurij Andruchowytsch und hat seit 2002 mehrere Prosabände veröffentlicht. 2014 gelang ihr der literarische Durchbruch mit dem Roman „Der Papierjunge“, der zurzeit in mehrere Sprachen übersetzt wird.