Empfehlung von
Irmgard Hölscher, Frankfurt am Main
Catalin Dorian Florescu
Der Mann, der das Glück bringt
Roman
Ohne Eltern, ohne einen Namen und ohne jedes Wissen um seine Herkunft schlägt sich der Zeitungsjunge und Schuhputzer, der sich mal Paddy, mal Pasquale oder Berl nennt, Ende des 19. Jahrhunderts in Manhattan durch. Sein Manhattan ist nicht das, das wir aus Film und Literatur kennen, sondern ein Ghetto für Emigranten aus aller Welt, die hier ein besseres Leben zu finden hofften, aber letztlich froh sein müssen, wenn sie nicht wie so viele auf dem Schiff enden, das die Leichen der Selbstmörder, der Kranken und Verhungerten über den East River auf die Hart-Insel bringt. Hunger, Kälte und Elend sind das Schicksal der Zeitungsjungen, die sich jeden Abend wieder neu eine Schlafstelle suchen müssen, und wirklich Verlass ist auf wenige, dafür ist die Not zu groß. Einzige Ausnahme ist sein Freund Berl, von dem er sich immer wieder die Familiengeschichte erzählen lässt – weil er selbst ja nur „vom Mond gefallen“ ist, wie er es ausdrückt. Seine ganze Hoffnung aber setzt er auf seine Stimme, die ihm, so hofft er, eines Tages eine gute Stellung im Vaudeville verschaffen wird.
Szenenwechsel. Im Sommer 1919 wartet Leni im Donaudelta auf die Geburt ihres Kindes – nach drei Fehlgeburten nicht gerade hoffnungsvoll. Aber diesmal verschonen sie die vielen bösen Geister, die jede Schwangere in dieser gottverlassenen Gegend bedrohen, und sie bringt eine gesunde Tochter zur Welt, Elena. Mit dieser Tat hat sie allerdings, wie sie findet, ihre Pflicht getan; mütterliche Gefühle sind ihr fremd, und sie überlässt das Kind weitgehend dem Fischer Vanea, der das Mädchen zärtlich liebt und ihm alle Geheimnisse der Natur und der sumpfigen Donaumündung beibringt. Aber als Elena größer wird, hat sie nur noch einen Wunsch: die enge, vom Aberglauben geprägte Welt ihres Dorfes zu verlassen und die Welt zu sehen. Dieser Wunsch führt sie zunächst nach Sulinas, einer einstmals bedeutenden Hafenstadt, die jetzt nur noch ein ödes Provinznest ist. Von hier aus will sie nach Amerika, und als ihr Arbeitgeber eine Frau für seinen ausgewanderten Sohn sucht, tut sie alles, um den unbekannten jungen Mann zu heiraten. Die beiden schreiben sich und finden viele Gemeinsamkeiten, doch bevor an eine Hochzeit gedacht werden kann, schlägt das Schicksal zu und beendet mit einem Schlag alle Träume: Elena steckt sich bei Vanea mit Lepra an und wird mit Gewalt in die letzte Leprakolonie Europas gebracht. …
Erzählt werden die Geschichten vom Zeitungsjungen Paddy und von Elena und von ihren Nachkommen: Paddys Enkel Ray und Elenas gleichnamiger Tochter. Die beiden begegnen sich – ausgerechnet – am 11. September 2001 in New York und erzählen sich, während die Welt um sie herum zusammenbricht, die Geschichte ihrer Eltern und die Umstände, die sie genau zu diesem Zeitpunkt nach New York gebracht haben.
Florescu ist ein Zauberer, der mit wenigen Handbewegungen ganze Welten aus dem Ärmel zieht und wieder verschwinden lässt. Mühelos jongliert er mit seinen zwei völlig verschiedenen Schauplätzen, so lange, bis ihre Gemeinsamkeiten sichtbar werden: der unbändige Überlebenswille und die tiefe Sehnsucht nach einem Ort, der zu einer lebenswerten Heimat werden könnte. Sein Zauber entsteht aus der Sprache, die selbst im schlimmsten Elend noch strahlt und funkelt.
- Verlag
- Verlag C.H. Beck
- Erscheinungsdatum
- 2016
- ISBN/EAN
- 978-3-406-69112-6
- Format
- Einband - fest (Hardcover)
- Seiten
- 327
- Preis
- 19,95 €
- Status
- lieferbar
Zur Autorin / Zum Autor
Catalin Dorian Florescu, geboren 1967 in Timisoara in Rumänien, lebt als freier Schriftsteller in Zürich. Er veröffentlichte die Romane „Wunderzeit“ (2001), „Der kurze Weg nach Hause“ (2002) und „Der blinde Masseur“ (2006). Er erhielt zahlreiche Preise – u. a. den Anna Seghers-Preis und 2011 den Schweizer Buchpreis. Im Jahr 2012 wurde er mit dem Josef von Eichendorff- Literaturpreis für sein Gesamtwerk geehrt. Für das Manuskript des neuen Romans erhielt er das Werkjahr der Stadt Zürich.