Empfehlung von
Susanne Rikl, München
Dave Eggers
Der Circle
Roman. Aus dem Amerikanischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann
Mae Holland ist jung und will in ihrem Leben etwas erreichen. Ihre Studienfreundin Annie verschafft der 24jährigen eine Anstellung bei dem weltweit beliebten Internetkonzern The Circle. Mae ist von ihrem Arbeitgeber und dessen Philosophie des transparenten Internets total begeistert und schafft in kürzester Zeit den Sprung in den Kreis der Auserwählten, deren Ideen von den Circle-Entwicklern umgesetzt werden.
"WAHNSINN, DACHTE MAE. Ich bin im Himmel" So beginnt die deutsche Übersetzung von Eggers’ Roman. In diesem harmlosen Satz deutet der Autor auf geniale Weise an, was mit seiner weiblichen Hauptfigur passieren wird. Wahnsinn bedeutet "Geisteskrankheit, geistige Umnachtung, Torheit, Unsinn, abwegiger und meist auch gefährlicher Einfall" (frei nach Wahrig), ist aber auch – und hier so gemeint – ein Ausruf der Begeisterung. Und es ist die Begeisterung über das, was ihre Arbeit in Bewegung setzt, die Mae die Erdung verlieren lässt. Innerhalb kürzester Zeit lebt sie nur noch für den Circle. Sie trägt eine SeeChange-Kamera, die alles aufzeichnet, was sie erlebt, und eins zu eins an ihre Viewer überträgt. Besuche bei ihren Eltern, Treffen mit dem Exfreund: Die Viewer teilen (nicht nur) Maes Leben. Für die Dates mit dem mysteriösen Campuskollegen Kalden schaltet sie die Kamera anfangs noch aus. Doch schon bald plagt Mae dann ihr schlechtes Gewissen.
Auf den ersten Blick mag es beglückend sein, Einfälle umzusetzen, die der Menschheit dienen sollen: Korruption in der Politik durch größtmögliche Transparenz mit Hilfe der überall installierten Kameras zu verhindern, Kindern Chips einzuoperieren, damit die Entführungsraten abnehmen, Gesundheit durch ständige Kontrolle zu garantieren. Viele dieser Neuerungen machen aber nicht nur die, die das wollen, zum gläsernen Menschen sondern auch alle anderen – gegen deren Willen. "Sei innovativ" lautet eines der vielen Credos des Konzerns, ein anderes "Alles Private ist Diebstahl".
Ich habe vor zwei Tagen eine anregende Unterhaltung mit einem 30 Jahre jüngeren, intelligenten Zeitgenossen zum Thema Privatsphäre geführt. Seine Meinung: Privatsphäre ist eine Illusion, sie gehört der Vergangenheit an. Er sagte das ohne großes Bedauern, referierte lediglich eine für ihn gegebene Tatsache. Was Dave Eggers in seinem Roman schildert, mag auf der Sachebene mit Apple Watch und ApplePay im Entstehen sein (Tagesschau.de vom 9.10.2014), auf der Bewusstseinsebene hat die Veränderung beim größten Teil der jüngeren Generationen schon längst stattgefunden. "Der Circle" entwirft kein Zukunftsszenario. "Der Circle" ist ein spannender, kritischer Roman über uns, heute.
Dieser Titel ist nicht mehr lieferbar.
- Verlag
- Kiepenheuer & Witsch
- Erscheinungsdatum
- 2014
- ISBN/EAN
- 9783462046755
- Format
- Einband - fest (Hardcover)
- Seiten
- 560
- Preis
- 22,99 €
- Status
- nicht lieferbar
Zur Autorin / Zum Autor
Dave Eggers, geboren 1971, wuchs in der Nähe von Chicago auf und besuchte die Universität von Illinois. Er gründete 1998 einen Verlag, in dem er seine Bücher veröffentlicht, ein vierteljährliches Literaturmagazin und eine Monatszeitschrift. 2012 wurde Dave Eggers mit dem "Albatros", dem Preis der "Grass-Stiftung", ausgezeichnet.