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Cover: Das Verschwinden des Philip S.

Empfehlung von
Ruth Roebke, Frankfurt am Main

Ulrike Edschmid

Das Verschwinden des Philip S.

Roman

Das Buch beginnt mit seinem Tod. 1975 wird Philip S., ein 28 Jahre alter Schweizer, bei einem Schusswechsel auf einem Kölner Parkplatz, bei dem auch ein Polizist stirbt, erschossen. Fast vierzig Jahre später erinnert sich Ulrike Edschmid an die frühen Jahre, die sie mit Philip S. verbrachte.

Kennengelernt haben sie sich in der Berliner Film- und Fernsehakademie, an der der 20 Jahre alte Philip S. ein Studium begonnen hatte. Schnell ziehen sie zusammen in eine gemeinsame Wohnung, später in eine Wohngemeinschaft. Philip S. übernimmt wie selbstverständlich die Verantwortung für Ulrike Edschmids Kind aus einer anderen, schnell gescheiterten Beziehung.

Das Buch ist eine Annäherung an den einstigen Geliebten, zeichnet seinen Lebensweg nach, soweit die Autorin ihn kannte. Es ist ein Versuch, einen Menschen ins Gedächtnis zurückzuholen, von dem sie sagt, er habe beinahe keine Spuren hinterlassen.

Philip S. stammt aus einem reichen, puritanisch-kalten Züricher Elternhaus, in dem es für das Kind nur gibt, was dringend benötigt wird – Liebe zählt nicht dazu. Er löst sich früh, kauft ein paar wenige, erlesene Kleidungsstücke, die er jahrelang tragen wird, und geht nach Berlin, wo er in die Film- und Fernsehakademie aufgenommen wird. Es sind Jahre der zunehmenden Politisierung. An der Akademie rührt sich Widerstand dagegen, dass man nur zum TV-Nachwuchs ausgebildet wird. Filme sollen, so die Forderung, nicht nur Unterhaltung sein, sondern auf das aktuelle politische Geschehen Bezug nehmen und darauf einwirken. Obwohl Philip S. für diese Strömungen offen ist, ist sein Abschlussfilm „Der einsame Wanderer“ ein verrätselter Film ohne stringente Handlung und Aussage, der in streng komponierten Bildern das Ästhetische in den Vordergrund stellt. Der Film stößt auf Verwunderung bis Ablehnung, aber einigen Menschen hat sich Philip S. damit unauslöschlich ins Gedächtnis eingeschrieben.

Ulrike Edschmid und Philip S. sind mittendrin in den politischen Bewegungen der Zeit, nehmen an Aktionen, auch illegalen, teil. Erleben, wie ihre Wohnung immer wieder durchsucht wird, und werden wegen des Verdachts der Beteiligung an einem Bombenanschlag verhaftet. Diese Zeit in der Untersuchungshaft verändert ihre Beziehung endgültig . Während Philip S. sich gegen die Haft empört und mit anderen Häftlingen eine Form des Widerstands dagegen sucht, zieht Edschmid sich in sich zurück. Sie erkennt, welche schwierigen Erfahrungen ihr kleiner Sohn in den letzten Jahren bereits gemacht hat. Er ist es, der sie davor bewahrt, den Weg weiter zu gehen, den Philip S. einschlägt, nachdem sie mangels Beweisen aus der U-Haft entlassen werden.

Die späteren Jahre ihrer Beziehung beschreibt Edschmid als ein langsames Entgleiten des Geliebten, einen immer stärker werdenden Rückzug vom liebevollen Freund und verantwortungsvollen Betreuer des Kindes bis zum endgültigen Verschwinden im Untergrund. Ulrike Edschmid geht mit ihrem Kind nach Frankfurt, das Ende von Philip S. ist bekannt.

„Das Verschwinden des Philip S.“ ist ein ganz großartiges Buch – weil es vieles nicht ist. Es huldigt keiner Revolutionsromantik, es sucht keine Schuldigen, es klagt nicht an, es brüstet sich nicht mit der Nähe zu bekannten Akteuren der Zeit. Es ist leise, nachdenklich und präzise, in einer klaren, schönen Sprache geschrieben. Es erhebt keinen Anspruch auf „Wahrheit“ und es beantwortet auch nicht die Frage, die Edschmid selbst nicht beantworten kann: warum ein Mensch, dem man nahe ist, der sanft, freundlich und zuverlässig ist und den man liebt, in eine Richtung geht, die ihn weg von all dem führt, was sein Leben bis dahin ausgemacht hat, und im Tod endet. Aber es beschreibt, wie es sich anfühlt – selbst nach fast vierzig Jahren noch. Deshalb ist es auch richtig, dass die Autorin ihr Buch einen Roman nennt.

Dieser Titel ist nicht mehr lieferbar.

Verlag
Suhrkamp Verlag
Erscheinungsdatum
2013
ISBN/EAN
9783518423493
Format
Einband - fest (Hardcover)
Seiten
157
Preis
15,95 €
Status
nicht lieferbar

Zur Autorin / Zum Autor

Ulrike Edschmid, 1940 in Berlin geboren, aufgewachsen in der Rhön/Hessen, studierte Literaturwissenschaft, Pädagogik und an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin. Sie lebt in Berlin.

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