Zum Inhalt springen
Zu den aktuellen Empfehlungen
Cover: Ashland & Vine

Empfehlung von
Ruth Roebke, Frankfurt am Main

John Burnside

Ashland & Vine

Roman. Aus dem Englischen von Bernhard Robben

Es ist ein heißer Sommertag. Die Filmstudentin Kate klingelt lustlos an den Türen einer Vorortsiedlung der kleinen Universitätsstadt, in der sie lebt und versucht, fremde Menschen dazu zu bewegen, ihre Lebensgeschichte zu erzählen. Die Hitze setzt ihr zu, die Zunge klebt am Gaumen, sie fühlt sich schlecht. Denn wie zumeist in den letzten Monaten seit dem Tod ihres Vaters hat Kate am Abend zuvor viel zu viel getrunken und ist verkatert. Nach etlichen Mißerfolgen trifft sie auf Jean Louise Culver, eine alte Frau, die Kate ins Haus bittet und ihr einen Kräutertee anbietet. Jean erklärt sich unter einer Bedingung bereit, ihre Lebensgeschichte zu erzählen: Kate soll fünf Tage lang nüchtern bleiben und dann wieder kommen. Zu ihrer eigenen Verblüffung lässt Kate sich darauf ein und hält sich auch in der folgenden Zeit an diese Abmachung.

Was wie die Geschichte einer haltlosen jungen Frau beginnt, weitet sich mit Jane Culvers – aber nicht nur ihrer – Lebensgeschichte zu einem amerikanischen Panorama der letzten Jahrzehnte, in dem sich die politischen Entwicklungen und die sozialen Konflikte des Landes spiegeln. Jean erzählt die Geschichte ihres Vaters der aus rassistischen Gründen auf der Straße erschossen wurde, die ihres Neffen, der im Vietnamkrieg desertierte und fortan ein leben im Verborgenen führt, die ihrer Nichte, deren Engagement während der Studentenunruhen der sechziger Jahre in die Radikalität führt und die ihrer lebenslangen, unerfüllten Liebe zu Lee, die sie an einen Mann verliert.

Jeans Erzählung bringt Kate dazu, ihre eigene Geschichte, die Beziehung ihrer Eltern, das frühe Verschwinden der Mutter, den Tod des Vaters und ihr Verhältnis zu Lautitz, mit dem sie zusammenlebt, neu zu betrachten. Sie lernt dabei, dass Lebensgeschichten immer die Konstrukte derer sind, die sie erzählen.

Durch die sich durchdringenden Lebensgeschichten der beiden Frauen, aber auch anderer Figuren des Romans, entsteht nach und nach ein amerikanisches Panorama der letzten Jahrzehnte, und es gibt niemanden darin, der ungeschoren davon gekommen ist. Alle sind sie Versehrte – durch Krieg, Gewalt und Tod, körperliche und seelische Verletzungen –, und das Verblüffende daran ist die scheinbare Normalität dieser Vorgänge.

In Ashland & Vine zeigt John Burnside eine neue Seite seines Erzählens. Der Roman hat weder das düstere Funkeln von Glister, die trügerische Leichtigkeit von In hellen Sommernächten noch die Wucht von Lügen über meinen Vater. Ashland & Vine hat nichts geheimnisvoll Verborgenes. Die Sprache ist poetisch und virtuos, aber von einer bestechenden Einfachheit. Burnside erzählt hier, wie allein durch die Kraft des Erzählens und Zuhörens langsam Nähe und Vertrauen entstehen, die zum Frieden mit sich und anderen führen können.

Dieser Titel ist nicht mehr lieferbar.

Verlag
Knaus Verlag
Erscheinungsdatum
2017
ISBN/EAN
978-3-8135-0461-3
Format
Einband - fest (Hardcover)
Seiten
416
Preis
24,00 €
Status
nicht lieferbar

Zur Autorin / Zum Autor

John Burnside, geboren 1955 in Schottland, ist einer der profiliertesten Autoren der europäischen Gegenwartsliteratur. Der Lyriker und Romancier wurde vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Corine-Belletristikpreis des ZEIT-Verlags, dem Petrarca-Preis und dem Spycher-Literaturpreis. Sein Prosawerk erscheint auf Deutsch seit vielen Jahren im Knaus Verlag.

Weitere Empfehlungen von Ruth Roebke

8 Empfehlungen