Empfehlung von
Ruth Roebke, Frankfurt am Main
Jean Echenoz
14
Roman. Aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel
Es ist der Sommer 1914. An einem schönen Samstag radelt der junge Anthime durch Landschaft der Provinz Vendée. Plötzlich beginnen in allen Dörfern die Glocken zu läuten. Anthime weiß, was das bedeutet: Mobilmachung. Zusammen mit seinem Bruder Charles und drei weiteren jungen Männern aus seinem Ort zieht er in den Krieg. Zurück bleibt Blanche, die Tochter des örtlichen Fabrikbesitzers, die von beiden Brüdern begehrt wird und von Charles schwanger ist.
In knappen Kapiteln zeichnet Jean Echenoz den Weg Anthimes und der vier anderen nach. Die allgemeine Begeisterung, welche Soldaten wie Zivilisten gleichermaßen erfasst, die Zuteilung zum Regiment und die kurze Ausbildung. Es folgt die Fahrt in die Ardennen, marschieren, eingraben, irgendwie in den Schützengräben überleben. Jahreszeiten, Kälte, Regen. Dauerfeuer aus gegnerischen Geschützen und Gasangriffe werden irgendwann Alltag. Charles, der durch Protektion bei einer Fliegerstaffel gelandet ist, stirbt früh bei einem Einsatz. Anthime verliert durch einen verirrten Grantsplitter seinen Arm. Nur er und einer seiner Freunde werden den Krieg überleben.
„14“ ist wahrscheinlich der schmalste unter den Romanen, die es zum Thema 1. Weltkrieg gibt. Auf 125 Seiten, in knappen Kapiteln beschreibt Jean Echenoz die Erfahrungen der fünf jungen Männer mit zunehmender Beschleunigung. Direkte Schilderungen wechseln mit kurzen Kommentaren ab, die den Fluss der Handlung unterbrechen und den Leser immer wieder in Distanz zum Erzählten bringen. Nichts an den Schilderungen fordert den Leser auf, sich identifikatorisch an die Handlung oder eine der Personen zu binden. Trotzdem wird der Schrecken des Grabenkrieges an der Westfront sehr deutlich. Echenoz lässt die Langeweile, das Abstumpfen und das Grauen des Lebens in den Schützengräben in ständigem Tempowechsel erstehen. Seine Kunst besteht darin, all den Aberwitz, den Dilettantismus, die Grausamkeit, die Gier, aber auch die Kameradschaft und das Leid an einem Helden zu zeigen, der das Hineingeworfensein in eine Welt ohne Regeln und Sinn mit einem gewissen Fatalismus nimmt – vielleicht der einzigen Haltung, das alles ohne seelische Deformation zu überstehen. “14“ ist direkt, zupackend und kunstvoll zugleich - einfach großartig.
Dieser Titel ist nicht mehr lieferbar.
- Verlag
- Hanser Berlin
- Erscheinungsdatum
- 2014
- ISBN/EAN
- 978-3-446-24500-6
- Format
- Einband - fest (Hardcover)
- Seiten
- 128
- Preis
- 14,90 €
- Status
- nicht lieferbar
Zur Autorin / Zum Autor
Jean Echenoz wurde 1947 in Orange (Provence) geboren, er lebt in Paris. Für seinen Roman "Ich gehe jetzt" wurde er 1999 mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet.