Empfehlung von
Malte Kleinjung, Frankfurt am Main
Dietmar Dath
Wladimir Iljitsch Lenin: Staat und Revolution (1917)
Erinnert sich noch jemand an den Eklat, den eine Videokolumne von Jens Jessen, dem Ressortleiter des ZEIT-Feuilletons, 2008 verursachte? Die Kolumne bezog sich auf die zum damaligen Zeitpunkt abermals hochgekochte Debatte über die angebliche Gewaltbereitschaft junger „Ausländer“. Der Volkszorn entzündete sich vor allem an den im Video vertretenen Thesen. Als Brandbeschleuniger wirkte aber zudem ein Öldruck Lenins, der in Jessens Arbeitszimmer zu sehen war. In den Augen eines Empörten war dieser Wandschmuck Indiz für eine „ekelhafte leninistische-menschenverachtende Haltung“. Angesichts der Reaktionen, die sein Lenin-Bild auslöste, legte Jessen Wert darauf, sich „noch einmal ausdrücklich von einer Sache zu distanzieren, die ohnehin verloren hat“. Diese Geschichte scheint zweierlei zu lehren. Erstens: Lenins Ideen sind tot. Zweitens: Wer sich hierzulande in seiner Nähe – und sei es nur im räumlichen Sinne – erwischen lässt, sollte schleunigst Distanz gewinnen.
Doch Totgesagte leben bekanntlich länger. Dass dieses Sprichwort Gültigkeit beanspruchen kann, beweist nun Dietmar Dath, der gegenüber Lenin keine Berührungsängste kennt. Für die Neuauflage von dessen Schrift Staat und Revolution, erschienen in der kleinen, aber feinen Reihe Marxist Pocket Books, hat Dath ein Vorwort beigesteuert, das allein schon die Anschaffung lohnt. Es erfüllt in bester Manier das Ziel dieser Reihe, das – so die Herausgeber – darin besteht, „die vergangenen Ideen für die Gegenwart zu schärfen“.
Auf knappstem Raum leistet Dath im Bezug auf Lenin das, was dieser wiederum im Bezug auf Marx und Engels vorgemacht hat: Er aktualisiert die marxistische Lehre über Staat und Revolution „für seine Epoche“ – was in diesem Fall unsere Gegenwart ist. Dath interpretiert Lenins Schrift als eine „analytische wie programmatische Maschine“, die auf den bürgerlichen Staat geeicht ist. Sie biete, so Dath, Einsichten in dessen Strukturen und Funktionsweisen, an denen sich – und daraus schöpft sie ihre Aktualität – seit Marx nichts Fundamentales verändert habe: „Staaten sind in allen Klassengesellschaften einfach Organisationen zum Schutz von Eigentumsverhältnissen“. Wer diese Eigentumsverhältnisse als Ursache für soziales Unrecht und Elend begreift, kann von diesem Marxist Pocket Book lernen, wie man die Ansatzpunkte ausfindig macht, um das Bestehende auszuhebeln. Darüber hinaus gibt Dath auch argumentatives Rüstzeug mit auf den Weg. Die Einwände, die gegen Lenin im Allgemeinen vorgebracht werden, hat er gesammelt und geordnet, um ihnen Schritt für Schritt entgegenzutreten. Zum einen legt er dabei den Finger auf Fehler in der Argumentationslogik, zum anderen weist er den Abrechnungen von links wie von rechts ein mangelndes Bewusstsein für das Diktat historischer Umstände nach.
Für Jessen gab es in der Sache nur ein Schwarz oder Weiß: „Lenin hängt dort nicht als Ikone, sondern als Trophäe“. Das Bild dagegen, das Dath von Lenin zeichnet, besticht durch Schattierungen und Zwischentöne.
Dieser Titel ist nicht mehr lieferbar.
- Verlag
- LAIKA Verlag
- Erscheinungsdatum
- 2012
- ISBN/EAN
- 978-3-942281-31-7
- Format
- Einband - flex.(Paperback)
- Seiten
- 180
- Preis
- 9,90 €
- Status
- nicht lieferbar
Zur Autorin / Zum Autor
Dietmar Dath, geboren 1970, veröffentlicht seit 1990 journalistische und literarische, satirische und essayistische Texte in in- und ausländischen Zeitungen und Zeitschriften. Von 1998 bis 2007 war er Chefredakteur der traditionsreichen Zeitschrift für Popkultur "Spex" und seit 2011 Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.
Dietmar Dath hat zahlreiche Romane, Theaterstücke, Sachbücher und Gedichte veröffentlicht.