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Cover: Die Farbe des Granatapfels

Empfehlung von
Malte Kleinjung, Frankfurt am Main

Anna Baar

Die Farbe des Granatapfels

Roman

Anna Baars Debütroman erkundet und durchmisst ein Niemandsland: „Das Hindundher ist mir zur Gewohnheit geworden, das Zwischenreich der scharf bewachten Grenzen, der hohe Pass“. Auf die Situation gemünzt, in zwei unterschiedlichen Sprachräumen sozialisiert zu werden, beschreibt dieser Satz sowohl die Biographie der Ich-Erzählerin Anuschka als auch der Autorin Anna Baar, die in Kroatien und Österreich aufgewachsen ist. Was diese literarische Bearbeitung interkultureller Erfahrungen auszeichnet, ist jedoch nicht das Thema, sondern die poetologischen Konsequenzen, die dieser Roman aus einer biographisch bedingen Konstellation zieht. Seine Sprache und Wertungen, seine Art der Darstellung: all das ist dem Prinzip der Ambivalenz unterworfen. Aus den Spannungen und Widersprüchen, die diesem Prinzip innewohnen, gewinnt der Text seine Faszination. Er lädt zu einem ästhetischen Wechselbad ein.

Im Zentrum steht eine familiäre Liebe, die Beziehung Anuschkas zu ihrer Großmutter Nada. Den Sommer verbringt Anuschka bei Nada auf einer kroatischen Insel, im Winter fährt die Großmutter zur Enkelin nach Österreich. Die Eltern sind in der Geschichte nur flüchtige Schatten, die hin und wieder auftauchen. Auf dem Weg vom Kind zur Erwachsenen, von dem Anuschka in Rückblenden erzählt, ist die Großmutter ihre engste Begleiterin – und Widersacherin. Das Verhältnis zu ihr ist, im besten Sinne des Wortes, kompliziert. Die Liebe hat einen doppelten Boden. Bei den Besuchen wird so manches erbrochen, hochgewürgt und reingepresst: „Ich speie Granatapfelkerne, blute aus dem Mund, blute ins Trinkglas, huste das Blut aufs Tischtuch“. Ein Blick in Nadas Gesicht aber genügt, um an die Stelle von Ekel poetische Schönheit treten zu lassen: „Die lautlos bewegten Lippen, das Lächeln, die Reflexionen in ihren Pupillen, goldene Spiralen, und tausend Sonnen gehen auf mit einem Mal“.

Auf die Geradlinigkeit eines Plots verzichtet der Text zwar nicht, denn Anuschka wächst, fängt ein Studium an, während Jugoslawien zerfällt. Diese Entwicklung läuft aber gewissermaßen nur im Hintergrund ab. In den Bildern und Sequenzen der immer wiederkehrenden Erinnerungen, die von kroatischsprachigen Einsprengseln durchwirkt sind, gerät die Zeitstruktur ins Schwimmen. Es schält sich nach und nach ein traumatischer Kern heraus, um den die Erzählungen beider Generationen kreisen: „Wir wissen, was geschieht, wenn uns das Schweigen bricht. Wir blicken einander in die Gewehrläufe. Jede falsche Bewegung könnte die Wunde entblößen, die unter der Stille klafft“.

Die biographischen Anleihen dieses Debütromans sind unverkennbar. Er ist jedoch kein Familien- oder Generationenroman, keine bloße Literarisierung eines kontingenten Lebensweges. Die Poetik, die der Text aus der individuellen Erfahrung, zwischen zwei Kulturen hin- und hergerissen zu sein, entfaltet, erweist sich vielmehr als hellsichtige ästhetische Reflektion eines Phänomens, das moderne Gesellschaften in Zukunft in noch weitaus stärkerem Maße prägen wird.

Verlag
Wallstein Verlag
Erscheinungsdatum
2015
ISBN/EAN
978-3-8353-1765-9
Format
Einband - fest (Hardcover)
Seiten
320
Preis
25,00 €
Status
lieferbar

Zur Autorin / Zum Autor

Anna Baar, geb. 1973 in Zagreb. Kindheit und Jugend in Wien, Klagenfurt und auf der dalmatinischen Insel Brac. Studium der Publizistik und Öffentlichkeitsarbeit an den Universitäten Wien und Klagenfurt. Lebt in Klagenfurt.

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