Empfehlung von
Malte Kleinjung, Frankfurt am Main
Roman Ehrlich
Urwaldgäste
Erzählungen
Die letzte Bastion ist ein gebrauchtes Peugeot Cabriolet. „Frau S. aus P.“ hat es sich von ihrer Berufsunfähigkeitsrente gekauft. „Es tut mir wohl im Auto zu sitzen. Wenn ich im Auto unterwegs bin, kann ich frei denken. Vielleicht, habe ich mir überlegt, weil man im Auto unmöglich arbeiten kann.“ Nachdem bei ihr eine Angststörung diagnostiziert wurde, musste sie ihren Beruf als Grundschullehrerin aufgegeben. Das alles erzählt sie vor laufender Kamera als Kandidatin einer Quizshow. Wenn man Roman Ehrlichs „Urwaldgäste“ nach der letzten Seite aus der Hand legt, erscheint Frau S. rückblickend als die vielleicht Glücklichste unter ihnen. Was ist das für eine Welt, vor der ein Auto Schutz gewährt, indem es Arbeiten verhütet?
Arbeit ist das täglich’ Brot unserer Gegenwart, das wir notgedrungen und in der Regel unbesehen schlucken. Diesem eigentlich recht faden Teig rührt Roman Ehrlich mit seinem allein schon optisch sehr ansprechenden Erzählungsband einen kräftigen Schuss Surrealismus als Triebmittel unter. Daraus formt er zehn lesenswerte Geschichten von unterschiedlicher Gestalt: mal wie ein Kastenbrot aus einem Guss, mal wie ein Blätterteig auf kunstvolle Weise mehrfach umhüllt, oft wie ein Hefezopf zusammengeflochten aus verschiedenen Handlungssträngen, die sich um ein verbindendes Motiv wickeln. Hier ist allerdings kein Zuckerbäcker am Werk, der mundgerecht portioniert und süß verziert. Die Konstruktionen gehen teilweise erst dann auf, wenn man sich von der Erwartung löst, ein abgeschlossenes Ganzes vorgesetzt zu bekommen. Die Erzählungen Roman Ehrlichs sind keine vorgefertigten Sinnauslegungen zum Aufwärmen, sondern wollen in der Imagination der LeserInnen weiter gären und Bedeutungsnuancen entfalten.
Wie schon in Ehrlichs preisgekröntem Debütroman „Das kalte Jahr“ muten auch die Regeln, nach denen die Welt der „Urwaldgäste“ funktioniert, häufig befremdlich an, manchmal gar verstörend. Einzelne Teile lassen sich nur als Parabel begreifen. Die Realität, die ja nicht selten bereits selbst absurd erscheint, vermischt sich in den Geschichten mit (alp)traumhaften Sequenzen. Die Figuren sind von einem Drang zum Erzählen beseelt, der sie regelrecht schamlos macht. Der Wunsch, sich mitzuteilen, stößt in ihrer Umwelt jedoch immer wieder nur auf Unverständnis. Im Fokus stehen dabei Arbeitssituationen, die für die darin befangenen Menschen ein Problem sind. Eine Klage, vorgetragen von einem Schauspieler oder einer Schauspielerin, hat programmatischen Charakter: „Ich gehe jeden Tag zur Arbeit. Und diese Arbeit, das ist es halt, was mir stinkt, ist dieser Ort der offenen Fragen, wo wie nirgends sonst ein Raubbau an meiner Sehnsucht getrieben wird.“ Und das Auto, das von selbst fährt, ist nur noch eine Frage der Zeit.
Dieser Titel ist nicht mehr lieferbar.
- Verlag
- DuMont Buchverlag
- Erscheinungsdatum
- 2014
- ISBN/EAN
- 9783832197537
- Format
- Einband - fest (Hardcover)
- Seiten
- 272
- Preis
- 19,99 €
- Status
- wird nicht mehr geliefert
Zur Autorin / Zum Autor
Roman Ehrlich, geboren 1983 in Aichach, aufgewachsen in Neuburg an der Donau, studierte am Deutschen Literaturinstitut Leipzig und an der Freien Universität Berlin. Er war Stipendiat der Werkstatttage des Wiener Burgtheaters, nominiert für den open mike und Teilnehmer der Autorenwerkstatt Prosa am LCB.