Empfehlung von
Theresa Mayer, Autorenbuchhandlung Marx & Co, Frankfurt am Main
Orna Donath
Regretting Motherhood
Wenn Mütter bereuen. Aus dem Englischen von Karlheinz Dürr und Elsbeth Ranke
Den Aufhänger für ihre Studie findet die israelische Soziologin Orna Donath in dem oft gehörten Satz: Du wirst es bereuen, keine Kinder bekommen zu haben. Während Reue für kinderlose Frauen angeblich vorprogrammiert ist, bleibt die Umkehrung des Satzes – ich bereue es, Kinder bekommen zu haben – mit einem emotional hochbelasteten Tabu belegt. Selbst allgemein über die Diversität von Erfahrungen der Mutterschaft zu sprechen, ist bis heute von starken Einschränkungen geprägt. Es wird erwartet, dass Mutterschaft als Erfüllung, mindestens aber als Bereicherung angesehen wird. Obligatorisch gilt, dass mögliche Belastungen und Erschöpfungszustände von der Freude am Wohl der Kinder aufgewogen werden. Diese Vorstellungen sind gesellschaftlich immer noch präsent und verhindern, dass Frauen, die Mütter sind, als eigenständige Personen mit Bedürfnissen und Meinungen anerkannt werden.
Auch die dreiundzwanzig Frauen aus Donaths Studie haben mit diesem Tabu zu kämpfen. Sie kommen aus unterschiedlichen beruflichen und sozialen Schichten und sind unterschiedlich oft Mutter und/oder Großmutter geworden. Sie haben aber eine Gemeinsamkeit: Sie alle sagen, dass sie es bereuen, Mutter geworden zu sein, und dass sie sich anders entscheiden würden, wenn sie die Zeit zurückdrehen könnten.
Orna Donath gibt in ihrem Buch die von ihr geführten Interviews sehr ausführlich und umfassend wieder. Dadurch entsteht ein genauer Einblick in die doch sehr verschiedenen Einschätzungen der befragten Frauen. Donath stellt in ihren Kommentaren sowohl auffallende Gemeinsamkeiten als auch drastische Unterschiede heraus. So beschreibt der Großteil der Befragten den Übergang zu Schwanger- und Mutterschaft nicht als bewusste Entscheidung, vielmehr wurde er als „natürlicher“ Schritt innerhalb der persönlichen Entwicklung wahrgenommen, an den sich eine ebenso als „natürlich“ imaginierte Erfüllung in der Mutterschaft anschließen sollte. Im Vorfeld wurde die Entscheidung, Mutter zu werden, also nur wenig oder gar nicht hinterfragt. In diesem Punkt stimmten überraschend viele der interviewten Personen überein.
Unterschiede wurden hingegen bei der Befragung der alltäglichen Belastung deutlich. Für einige der Frauen trug eine heterosexistische Aufteilung von Arbeit innerhalb der Beziehung ihren Teil dazu bei, dass sie die Mutterschaft bereuen. Es nahmen aber auch Frauen an der Studie teil, bei denen der Großteil der Betreuungsarbeit vom Vater der Kinder getragen wurde. Dabei blieb die spezifische Belastung, Mutter und nicht nur Elternteil zu sein, entscheidender Teil der Reue. Demnach erschöpft sich das Muttersein nicht in der Betreuungsarbeit, sondern bleibt darüber hinaus identitätsbildend.
Orna Donaths Studie macht deutlich, dass die Vorstellung, lediglich äußere Umstände seien für die Ablehnung von Mutterschaft ausschlaggebend, nicht zutrifft, leugnet aber auch nicht, dass diese entscheidend dazu beitragen. Anstatt ihre Interviews in eine vorangestellte und allgemeine These einzubinden, legt Donath zunächst großen Wert darauf, die Diversität der Probleme bereuender Mütter darzustellen. Sie bleibt dabei nicht ignorant gegenüber sexistischen Strukturen, aber ihr Interesse gilt vorrangig nicht einer gesellschaftlichen Analyse, sondern dem Durchbrechen des Tabus der bereuten Mutterschaft. Ihr erstes und wichtigstes Anliegen ist es, diesen Frauen eine Plattform zu geben, auf der sie ihre Erfahrungen mitteilen können.
Einer der sowohl innerhalb der Interviews als auch in der Rezeption der Studie am heftigsten diskutierten Punkte ist der Verhältnis der bereuenden Mutter zu ihrem Kind oder ihren Kindern. So legten alle Beteiligten der Studie sehr großen Wert darauf, die Ablehnung der Mutterschaft unabhängig von der Liebe zu ihren Kindern zu denken. Viele der Frauen hatten das Bedürfnis, klar zu stellen, dass sie „gute Mütter“ seien, dass sich also bereute Mutterschaft nicht in Vernachlässigung der Kinder äußere. In Foren und in der Debatte um diese Studie werden allerdings genau diese Vorwürfe formuliert. Einmal mehr geht es in der Diskussion nicht um die Bedürfnisse und Erfahrungen der Frauen, vielmehr haben die hinter denen der Kinder zurückzustehen. Indirekt (und mitunter auch sehr direkt) zeigt sich darin die Forderung, die Frau habe in der Rolle der Mutter aufzugehen, d.h. sich selbst als Person aufzulösen. Donath hingegen thematisiert diese Problematik als zusätzliche Belastung für die Mütter, die damit der Möglichkeit beraubt werden, ihre Situation zu formulieren.
Donath geht es nicht darum, die Position der Frauen auf Kosten der Kinder zu stärken, wie es die KritikerInnen befürchten, sie will die Frauen, die durch die Mutterschaft ihre Personalität aufgeben sollen, überhaupt erst sichtbarmachen. Ebenso wenig soll die Möglichkeit, Mutterschaft als Bereicherung und Erfüllung wahrzunehmen, ausgeschlossen werden. Ziel der Studie scheint mir viel eher zu sein, die Mutterschaft von ihren mythischen Idealvorstellungen zu trennen und sie als eine Beziehung zwischen Personen diskutieren zu können. Orna Donaths Buch ist somit kein Buch für oder gegen Kinder, sondern ein Buch für Frauen. Für Frauen, die „Mutter von Niemandem“ sein wollen. Und für alle anderen.
Dieser Titel ist nicht mehr lieferbar.
- Verlag
- Knaus Verlag
- Erscheinungsdatum
- 2016
- ISBN/EAN
- 978-3-8135-0719-5
- Format
- Einband - flex.(Paperback)
- Seiten
- 272
- Preis
- 18,00 €
- Status
- nicht lieferbar
Zur Autorin / Zum Autor
Orna Donath, geboren 1976, erforscht als Soziologin an der Ben-Gurion-Universität des Negev in Be‘er Sheva gesellschaftliche Erwartungen, die an Frauen, Mütter wie Nichtmütter, gestellt werden. Nach der Studie "Making a Choice" über jüdische Frauen in Israel, die sich gegen Kinder entscheiden (2011), ist "Regretting Motherhood" ihre erste internationale Buchveröffentlichung. Über ihre wissenschaftliche Arbeit hinaus engagiert sie sich ehrenamtlich für das Hasharon’s Rape Crisis Center in Raanana.