Luc Folliet
Nauru, die verwüstete Insel
Wie der Kapitalismus das reichste Land der Erde zerstörte. Aus dem Französischen von Oliver Ilan Schulz
Nauru. Von diesem winzigen Fleckchen Erde haben Sie, da gehe ich jede Wette ein, sicherlich noch nie etwas gehört. Ein australischer Anwalt hat es einmal so beschrieben: “Nauru ist eine Insel aus Scheiße. Sie sieht aus wie Scheiße, und sie riecht wie Scheiße. Aber wenn Sie Geschäftssinn haben, können Sie mit diesem Land ziemlich schnell eine Menge Schotter verdienen.“ Grund für diese auf den Punkt gebrachte Aussage ist der Guano, der, in Umsetzung mit Kalk, weltweit als Phosphatstoff für Düngemittel Verwendung findet. 1918 schätze man die gesamten Phosphatreserven der Insel auf unglaubliche 500 Millionen Tonnen – und dabei ist Nauru gerade mal 20 Quadratkilometer groß.
Nauru liegt im Pazifischen Ozean, ein winziger Fleck in Mikronesien. „In der Nähe“ liegen die Marshallinseln, Kiribati, die Salomonen (hat man ja schon mal gehört), und bis zur australischen Nordostküste sind es mindestens 3.500 Kilometer. Nauru ist übrigens die kleinste Inselrepublik der Welt, und heute leben dort etwa 12.000 Einwohner, Tendenz fallend.
Woran das liegt? Am Zucker.
Wie das kommt? Ungefähr so:
Hundert Jahre lang lag der Phosphatabbau, der Ende des 19. Jahrhunderts auf der Insel begann, allein in der Hand der australischen Regierung. Das änderte sich, als Nauru 1968 die Unabhängigkeit erlangte und nur zwei Jahre später die Phosphatgesellschaften des ehemaligen Mutterlandes verstaatlichte. Die Nauruer bauten von jetzt an ihren Vogeldreck selbst ab. Und sie wurden damit reich. Richtig reich. Stinkreich. Über Jahrzehnte hinweg lag das weltweit höchste Pro-Kopf-Einkommen auf Nauru.
Mit dem Reichtum verfielen die Inselbewohner in einen wahren Kaufrausch, jeder besaß ein Haus mit Pool, Klimaanlage und allem möglichen und unmöglichen Schnickschnack, die Leute hatten mindestens drei bis vier Autos vor der Tür stehen, und wenn die nagelneu importierte Edelkarosse mal einen eigentlich leicht zu behebenden Schaden hatte, dann brachte man sie nicht in die Werkstatt, nein, man bestellte sich einfach einen neuen Wagen.
Putzen brauchten die Nauruer ihre Villen auch nicht mehr, das übernahmen chinesische Putzfrauen, die der Staat bezahlte. Und kochen? Wozu? Man kaufte sein Essen in der Regel im Laden um die Ecke, zu dem man natürlich mit dem Wagen fuhr, oder man ließ sich einfach etwas bringen. Die Nauruer wurden fett. Und krank. Die häufigste Todesursache war Diabetes.
Was die Inselbewohner nicht bedacht hatten: alles, aber auch wirklich alles ist endlich. Selbst 500 Millionen Tonnen Vogelscheiße.
Der Journalist und Politikwissenschaftler Luc Folliet reiste 2005 zum ersten Mal nach Nauru. Er blieb mehrere Monate. Die Geschichte, die er von dort mitgebracht hat, wirkt wirklich mit jeder weiteren Seite unglaubwürdiger. Man kann, man will das alles nicht für bare Münze halten, und dennoch ist es nichts anderes als die bittere, teilweise ungewollt komische Wahrheit.
In diesem schmalen Bändchen verdichtet sich der Spruch, dass es nichts gibt, was es nicht gibt. Ein wahres Märchen. Kapitalismus in Albtraumform. Absolut lesenswert.
- Verlag
- Wagenbach Verlag
- Erscheinungsdatum
- 2011
- ISBN/EAN
- 978-3-8031-2654-2
- Format
- Einband - flex.(Paperback)
- Seiten
- 144
- Preis
- 11,90 €
- Status
- lieferbar
Zur Autorin / Zum Autor
Luc Folliet, Jahrgang 1979, studierte Politikwissenschaften in Grenoble und Edinburgh und besuchte die Journalismusschule in Lille. Er arbeitete als freier Autor und Journalist in Paris.