Philippe Claudel
Die Untersuchung
Roman. Aus dem Französischen von Ina Kronenberger
In diesem Buch gibt es keine Namen. An ihre Stelle treten reine Funktionen. Und was die Hauptperson und der Leser gemeinsam haben, ist nur – aber immerhin – die Tatsache, dass beide zu keinem Zeitpunkt wissen, was hier eigentlich gespielt wird. Soviel nur vorangestellt. Die Geschichte beginnt damit, dass der Ermittler auf dem kalten, menschenleeren Bahnhofsvorplatz der Stadt auf ein Taxi wartet. Er wurde hergeschickt, um die ungewöhnlich hohen Zahl seltsamer Selbstmorde in einem Großunternehmen, der Firma, zu untersuchen. Es regnet. Es schneit. Kein Taxi.
Also schnappt er sich den Koffer, sucht ein Lokal, um sich erst einmal aufzuwärmen, zu sammeln, auf die anstehende Ermittlungsaufgabe vorzubereiten. Und um das beklemmende Gefühl abzuschütteln, permanent beobachtet zu werden. Nur von wem? Die ganze Stadt scheint wie ausgestorben.
Das Lokal ist denn auch völlig leer bis auf einen mürrischen Barmann, der sich nicht im Geringsten für seinen einzigen Gast zu interessieren scheint,. Dem Ermittler kommen erste Zweifel, ob hier alles mit rechten Dingen zugeht, aber noch lässt er sich nichts anmerken. Später dann, endlich am Haupteingang der Firma angekommen, nass bis auf die Knochen und völlig durchfroren, wird ihm vom Pförtner der Zutritt verwehrt, denn nicht nur sei er zu spät erschienen, sondern verfüge obendrein auch nicht über die notwendige Ausnahmegenehmigung. Er möge bitte am nächsten Tag wiederkommen.
Es ist weit nach Mitternacht. Es schneit stärker, die Kälte macht ihm mehr und mehr zu schaffen. Niedergeschlagen schleppt der Ermittler sich und seinen Koffer quer durch die Stadt und findet nach langem Umherirren dann wirklich noch ein Hotel. Zugegeben, ein sehr sonderbares Hotel, denn bevor er überhaupt einchecken darf, hat er zunächst einmal die Hausordnung zu lesen. Komplett. Mehrmals. Dann wird er abgefragt und dann, erst dann darf er auf sein Zimmer gehen. Bis in den neunten Stock hinauf. Und jede Treppenstufe ist unterschiedlich hoch. Endlich angekommen, wirft er sich aufs Bett, in der stillen Hoffnung, am nächsten Morgen aus diesem Alptraum zu erwachen, denn es muss sich hier um einen ganz ungewöhnlichen Alptraum handeln, wenn er nicht sogar tot ist und dies nur eine der Vorhöllen, aber nein, nein, es wird sich genau so verhalten: er sitzt noch im Zug, schläft unruhig, träumt diesen grässlichen Traum, und gleich, im nächsten Augenblick schon, wird er durch das Rütteln des Zuges aufgeweckt werden und in der Stadt angekommen sein, er wird sich zusammenreißen und endlich seiner Arbeit nachgehen, der Untersuchung. Ja, so wird es sein. So muss es sein.
Da wacht er auf. Immer noch in seinen nassen Kleidern. In Bett. In diesem Hotel. Und der Alptraum, wenn es denn einer ist, setzt sich nahtlos fort.
Es fällt allzu leicht, hier an Kafka, an Orwell oder Fritz Lang zu denken, und das ist auch richtig so. Und der Film, den der Leser in seinem Kopf abspielt, ist natürlich ein Schwarzweißfilm. Obwohl man in Philippe Claudels neuem Roman „Die Untersuchung“ wieder und wieder Déjà-vu-Erlebnisse hat, werden hier keine simplen Klischees bedient; und auch wenn man jetzt behaupten könnte, im Vordergrund dieser großartigen Geschichte stehe die Vereinsamung, die Entfremdung, ja der Identitätsverlust des Menschen in einer modernen, komplett durchstrukturierten Arbeitswelt, so würde sich das wohl ziemlich großartig anhören, aber im Endeffekt ist diese Geschichte auch ohne tiefgründiges Schürfen das: großartig.
Dieser Titel ist nicht mehr lieferbar.
- Verlag
- Kindler Verlag
- Erscheinungsdatum
- 2012
- ISBN/EAN
- 978-3-463-40617-6
- Format
- Einband - fest (Hardcover)
- Seiten
- 224
- Preis
- 18,95 €
- Status
- nicht lieferbar
Zur Autorin / Zum Autor
Philippe Claudel wurde 1962 in Dombasle in Lothringen geboren, wo er als Autor und Regisseur heute noch lebt. In Deutschland gelang ihm 2004 mit «Die grauen Seelen» der Durchbruch. Es folgten ein Erzählungsband und fünf weitere Romane, zuletzt «Brodecks Bericht». Claudels Bücher wurden von der Presse gefeiert und sind bislang in über 25 Sprachen übersetzt worden. 2008 lief auf der Berlinale sein Film «So viele Jahre liebe ich dich».