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Cover: Die Flucht

Empfehlung von
Axel Vits, Köln

Jesus Carrasco

Die Flucht

Roman. Aus dem Spanischen von Petra Strien

Der Junge hockte schon seit Stunden in dem mit Sträuchern und Zweigen abgedeckten Loch. Irgendwann in der größten Mittagshitze kamen sie ihn suchen. Er konnte die einzelnen Männer, die wiederholt seinen Namen riefen, an ihren Stimmen unterscheiden. Zunächst die seines Vaters, der so nahe bei dem Loch stand, dass der Junge seinen Schweiß riechen konnte, dann die des Lehrers und schließlich diejenige, die er am meisten fürchtete: die Stimme des Polizeiwachtmeisters. Er merkte, wie er sich von Angst die Hosen nass machte, konnte aber nichts dagegen tun.

Es war dunkel geworden, die Stimmen längst verklungen, und jetzt erst traute er sich heraus aus seinem Versteck. Der Himmel über ihm war ein klares, dunkles Zeltdach, und vor ihm lag eine ausladende Ebene aus hartgebackenem Lehm und Schotter. Es hatte seit Monaten nicht mehr geregnet. Er streckte sich, spürte die Schmerzen vom langen Hocken, dann schulterte er seinen Beutel, drehte sich ein letztes Mal zum Dorf um und machte sich hungrig auf den Weg. Jetzt, so dachte er, bist du also auf der Flucht.

Noch in derselben Nacht traf er auf einen alten Ziegenhirten, der neben einem Feuer schlief. Der wortkarge Alte gab ihm zu Essen, stellte aber weiter keine Fragen und machte sich im ersten Morgenlicht mit seinen Tieren wieder auf den Weg. Zunächst noch allein, doch dauerte es nicht lange, da trafen die beiden wieder aufeinander, der Junge mittlerweile halb verdurstet, und ohne dass sie sich abgesprochen hätten, setzten sie nun ihre Reise gemeinsam fort, der Junge auf der Flucht vor etwas Unaussprechlichem, der Alte, so scheint es zunächst, einzig auf der Suche nach Ruhe und Futter für seine Tiere. Tage später erreichten sie eine Burgruine, weit und breit der einzige Ort, der Schatten bot. Sie schlugen ihr Lager auf, wollten sich gerade nach Wasser umsehen, als sie plötzlich am Horizont eine sich rasch nähernde Staubwolke ausmachten.

Mehr kann, mehr darf ich nicht verraten. Nur dies noch: „Die Flucht“, der Debütroman des jungen Spaniers Jesus Carrasco, ist für meine Begriffe ein literarisches Meisterwerk. Es gibt hier keine Namen, der Junge ist der Junge, der Alte ist der Alte, und die Landschaft, die selbst eine Rolle spielt, ist eine namenlose Kulisse. Das und die Klarheit der Sprache, die sanft ist, wo sie sanft sein muss, hart und spröde, wo das vonnöten ist, mehr braucht es nicht.

Vieles erfährt der Leser nie. Auch nicht nach dem letzten Satz. Eine große Kunst. Ein ganz besonderer Roman.

Dieser Titel ist nicht mehr lieferbar.

Verlag
Klett-Cotta Verlag
Erscheinungsdatum
2013
ISBN/EAN
978-3-608-98001-1
Format
Einband - fest (Hardcover)
Seiten
208
Preis
19,00 €
Status
vom Verlag als vergriffen gemeldet

Zur Autorin / Zum Autor

Jesus Carrasco wurde 1972 in Badajoz geboren. „Die Flucht“ ist sein erster Roman; er wurde auf Anhieb in bislang zehn Länder veröffentlicht. Jesus Carrasco lebt in Sevilla.

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