Jaume Cabré
Das Schweigen des Sammlers
Roman. Aus dem Katalanischen von Kirsten Brandt und Petra Zickmann
Als 2007 Katalonien in Frankfurt Buchmesseschwerpunkt war und die Verlage sich daher bemüht sahen, einen in der autonomen Region Nordspaniens beheimateten Autoren ins Programm aufzunehmen, gelang dem Insel Verlag ein absoluter Glücktreffer Jaume Cabré. Zunächst noch ein wahrer Insidertipp, schaffte es sein erstmals ins Deutsche übersetzte Roman „Stimmen des Flusses“ im Nu auf die Bestsellerlisten und wurde in allen Feuilletons mit Lob geradezu überhäuft. Ich selbst halte diesen Roman bis heute für einen der besten, den ich jemals gelesen habe; einer der zehn Romane, die ich auf die berühmt-berüchtigte einsame Insel mitnehmen wollen würde.
Obwohl bereits 1991 in Barcelona im Original erschienen, folgte dann 2009 mit „Senyoria“ endlich ein weiterer Roman, der hierzulande die Fangemeinde begeisterte; wohl gerade deshalb, weil Cabré sein Können erneut untermauerte, indem er eine Komödie schrieb.
Und jetzt, noch knapp vor Jahresende 2011 erschienen, aber sozusagen das erste Highlight der diesjährigen Lesesaison, liegt mit „Das Schweigen des Sammlers“ ein dritter Roman vor, mit dem sich der Autor noch einmal selbst übertroffen hat.
Erzählt werden wieder einmal mehrere Handlungsstränge, die zu völlig unterschiedlichen Zeiten spielen, sich ständig verschieben und überlagern, aber so nahtlos ineinander verstrickt sind, dass sie wie ein großflächiges Gesamtkunstwerk wirken und dem Leser einiges an Konzentration abverlangen, ihn aber auch reich belohnen. Die Hauptfigur Adrià Adrèvol, die wir von der Jugend bis ins hohe Alter begleiten, ist Sohn eines gewieften Antiquitätenhändlers in Barcelona, der sich auf das Sammeln und die Beschaffung sündhaft teurer Autografen spezialisiert hat.
Adrià ist ein Wunderkind. Er beherrscht ein Dutzend Sprachen fließend, und sein größter Wunsch besteht allein darin, zu lernen und zu studieren – alles, was es zu lernen und zu studieren gibt. Sein herrischer Vater will einen Gelehrten aus ihm machen, der Deutsch ebenso gut beherrscht wie Aramäisch, doch seine ansonsten eher schweigsam-unterwürfige Mutter begehrt auf, möchte sie doch ihr einziges Kind lieber als einen Geigenvirtuosen sehen, der später in den größten Häusern gastieren wird, denn Adrià, das muss man sagen, spielt wirklich gut. Aber eben nicht vollkommen. Und damit sind wir bei der zweiten „Hauptfigur“ angelangt, denn im Tresor des Antiquitätenhändlers befindet sich eine wertvolle Geige aus dem 18. Jahrhundert, die aus der Werkstatt eines berühmten Geigenbauers aus Cremona stammt und sogar einen Namen trägt: Vial. Eines Tages nimmt Adrià den Geigenkoffer heraus und tauscht Vial gegen seine Übungsgeige aus, in der Hoffnung, der Vater würde den Unterschied nicht merken. Doch als er den Tausch wieder rückgängig machen will, muss er feststellen, dass der Tresor leer ist: Sein Vater hat den Kasten mit der falschen Vial mitgenommen.
Am selben Tag wird der Vater ermordet.
Und so beginnt die Geschichte in den Geschichten; übergangslos befinden wir uns mal im 14. Jahrhundert zur Zeit der Spanischen Inquisition, gehen dann fließend ins 20. Jahrhundert über, verweilen kurz vor dem 1. Weltkrieg in Rom, springen aber schon wieder ins 17. Jahrhundert zurück, um einem begnadeten Geigenbauer bei der Holzauswahl zuzusehen, begeben uns anschließend in das Jahr 1944 und werden Zeuge einer Tragödie, die sich auf der Rampe in Auschwitz-Birkenau abspielt, um dann wieder dem eigentlichen Ich-Erzähler, Adrià, über die Schulter zu schauen, wie er, der mittlerweile Professor und gefeierter Autor ist, seiner über alles geliebten und verlorenen Sara seine Mitschuld am Tod des Vaters beichtet. In Form eines Briefes, einer Art Autobiografie, die er 50 Jahre später, nachdem sie und er auseinandergerissen wurden, an sie schreibt. Um sich zu erinnern. Und um eine Schuld einzugestehen, die allein auf seinen Schultern ruht. für die er aber nicht allein verantwortlich ist.
Acht Jahre hat Jaume Cabré an diesem Roman geschrieben, der im Frühjahr 2011 in Barcelona veröffentlicht wurde,. Und wie er selbst sagt, ist dieser Roman nie fertig geworden und kann nie fertig werden. Der Leser, am Ende der 844 Seiten angekommen, weiß das und weiß es auch zu schätzen, denn die große Kunst dieses Autors besteht gerade darin, eine Stimmung zu erzeugen, die weit über die letzte Seite hinaus noch nachklingt, wie ein Musikstück, wie eine Berührung, die man tief im Bauch spürt.
Dieser Titel ist nicht mehr lieferbar.
- Verlag
- Insel Verlag
- Erscheinungsdatum
- 2011
- ISBN/EAN
- 978-3-458-17522-3
- Format
- Einband - fest (Hardcover)
- Seiten
- 844
- Preis
- 24,95 €
- Status
- nicht lieferbar