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Wer schweigt, stimmt zu

Autor
Guérot, Ulrike

Wer schweigt, stimmt zu

Untertitel
Über den Zustand unserer Zeit. Und darüber, wie wir leben wollen.
Beschreibung

Die letzten zwei Jahre sind vermutlich an niemandem spurlos vorüber gegangen, individuell, aber auch gesellschaftlich. Die Tonart vieler Diskussionen hat sich verändert, Meinungslager haben sich gebildet, Fronten zwischen diesen Lagern verhärtet. Unterschiedliche Haltungen gegenüber den Corona-Maßnahmen sprengten Freundschaften, brachten Unfrieden in Familien und trennten sogar Ehen.

Ulrike Guérot, Politikwissenschaftlerin, Publizistin und leidenschaftliche Verteidigerin unserer Demokratie, hat die Monate der Pandemie mit Erschrecken verfolgt, geriet selbst in den Verdacht des sogenannten „Querdenkertums“, zieht mit dem hier empfohlenen Essay eine Zwischenbilanz und ruft zum Innehalten auf. Sie betrachtet ihr im März erschienenes Buch als Diskussionsangebot und rüttelt an vielen vermeintlichen Gewissheiten, die sich erst in den vergangenen zwei Jahren etabliert haben. Wer schweigt, stimmt zu weitet den Blick und ist ein lesenswerter Essay für alle DemokratiefreundInnen.
(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
Westend Verlag, 2022
Seiten
144
Format
Gebunden
ISBN/EAN
978-3-86489-359-9
Preis
16,00 EUR
Status
lieferbar

Zur Autorin / Zum Autor:

Ulrike Guérot studierte Politikwissenschaft, Geschichte und Philosophie in Bonn, Münster und Paris. Sie ist Professorin, Autorin und Aktivistin in den Themenbereichen Europa und Demokratie, mit Stationen in Think Tanks und an Universitäten in Paris, Brüssel, London, Washington, Berlin und Wien. 2014 gründete sie das European Democracy Lab, e.V., eine Denkfabrik zum Neudenken von Europa. 2016 wurde ihr Buch “Warum Europa eine Republik werden muss. Eine politische Utopie” europaweit ein Bestseller. Seit Herbst 2021 ist Ulrike Guérot Professorin für Europapolitik der Rheinischen-Friedrich-Wilhelms Universität Bonn und Co-Direktorin des Centre Ernst Robert Curtius (CERC).

Zum Buch:

Die letzten zwei Jahre sind vermutlich an niemandem spurlos vorüber gegangen, individuell, aber auch gesellschaftlich. Die Tonart vieler Diskussionen hat sich verändert, Meinungslager haben sich gebildet, Fronten zwischen diesen Lagern verhärtet. Unterschiedliche Haltungen gegenüber den Corona-Maßnahmen sprengten Freundschaften, brachten Unfrieden in Familien und trennten sogar Ehen. Hätte sich das in diesem Ausmaß jemand vorstellen können, bevor die Pandemie 2020 begann?

Ulrike Guérot, Politikwissenschaftlerin, Publizistin und leidenschaftliche Verteidigerin unserer Demokratie, hat die Monate der Pandemie mit Erschrecken verfolgt, geriet selbst in den Verdacht des sogenannten „Querdenkertums“, zieht mit dem hier empfohlenen Essay eine Zwischenbilanz und ruft zum Innehalten auf. „Wo wir stehen“, „Was passiert ist“ und „Was wir jetzt machen“ sind die drei Abschnitte, in die Guérot ihre Beobachtungen und ihre Analyse einteilt. Sie beschreibt, wie das politische Vorgehen in Deutschland und eine als stark einseitig empfundene mediale Berichterstattung Gesellschaft und Demokratie verformt haben.

Guérot führt aus, wie Menschen, die die Verhältnismäßigkeit der Maßnahmen anmahnten, umgehend als Corona-Leugner eingestuft wurden und so eine potentiell fruchtbare Debatte über den besten Umgang mit einem gefährlichen Virus im Keim erstickt wurde. Ihrer Meinung nach „vereindeutigte sich die Welt in fast mittelalterlicher Art und Weise. (…) Dass auf diese Weise jede Form der legitimen Gesellschaftskritik – eigentlich ein Betätigungsfeld der Linken – zur Verschwörung umgemodelt wurde, die man nicht ernst nehmen muss und nach Belieben stigmatisieren kann, ist das eigentlich Fatale, das Skandalöse am Corona-Diskurs.“

Wissenschaft bestehe nie aus einer alleingültigen Einschätzung, sei ganz im Gegenteil der Inbegriff des Abwägens unterschiedlicher Perspektiven und Erkenntnisse, argumentiert Guérot. Dass es im Corona-Diskurs erstmals plötzlich nur noch eine einheitliche wissenschaftliche Meinung geben durfte, die dann als Grundlage politischer Entscheidung diente, kennzeichnet die Autorin als bedrohlichen Eingriff in die Meinungsfreiheit. Wo Medien und Politik immer wieder scheinbar absolute Zahlen heranzogen, um Maßnahmen als einzig mögliche zu rechtfertigen, verweist die Autorin auf Nachbarländer und deren davon abweichendes nationales Vorgehen, das ebenfalls das Ergebnis von Rechnungen und Zahlen war.

Guérot ruft außerdem dazu auf, viele mit heißer Nadel gestrickte und verordnete Corona-Maßnahmen einmal weniger nach Verschwörungserzählungen als nach den wirtschaftlichen Profiteuren der Pandemie zu durchforsten (Stichwort Maskenskandal). Sie wendet sich an alle, den bequemeren, aber einseitigen Blick auf das Geschehen aufzugeben und auch das eigene Verhalten der vergangenen Monate zu überprüfen. Viele waren vielleicht nicht davon überzeugt, dass die politischen Entscheidungen immer die richtigen waren, schwiegen aber und nahmen in Kauf, dass die Gruppe der Menschen, die sich nicht zu einer Impfung entschieden, für den Verlauf der Pandemie verantwortlich gemacht, stigmatisiert und ausgegrenzt wurde. Solidarität – zu der ironischerweise durchgehend aufgerufen wurde – , heißt eigentlich Zusammengehörigkeit, nicht Trennung. Und wenn der Aufruf zur Solidarität nicht in erster Linie dazu dient, Menschen füreinander zu sensibilisieren, sondern die Gräben zwischen unterschiedlich Denkenden vertieft, wird dieser Begriff missbraucht.

Guérots Analysen bleiben nicht durchgehend sachlich, sondern drohen manchmal in Anklage und Polemik abzurutschen. Dies macht jedoch meines Erachtens besonders deutlich, wie sehr sich die Politikwissenschaftlerin um unsere Gesellschaft, unser Miteinander und unsere liberalen Werte sorgt. Sie betrachtet ihren Essay als Diskussionsangebot und rüttelt an vielen vermeintlichen Gewissheiten, die sich erst in den vergangenen zwei Jahren etabliert haben. Wer schweigt, stimmt zu, dessen ursprünglicher Verlag einen Rückzieher gemacht hat und das jetzt im Westend Verlag erschienen ist, weitet den Blick und ist ein lesenswerter Essay für alle DemokratiefreundInnen.

Larissa Siebicke, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt