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Der Freund

Autor
Nunez, Sigrid

Der Freund

Untertitel
Roman. Aus dem Amerikanischen von Anette Grube
Beschreibung

Eine Frau nimmt den Hund ihres verstorbenen Freundes auf, und zwischen Mensch und Hund entwickelt sich eine Freundschaft. Was nach einer betulichen Tiergeschichte klingt, ist in Wirklichkeit ein überaus kluger Roman voll sanftem Witz über die Literatur, das Leben und den Tod. Sigrid Nunez’ Roman Der Freund ist ein wunderschönes, unbedingt lesenswertes Buch!
(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
Aufbau Verlag, 2020
Seiten
235
Format
Gebunden
ISBN/EAN
978-3-351-03486-3
Preis
20,00 EUR
Status
lieferbar

Zur Autorin / Zum Autor:

Sigrid Nunez ist eine der beliebtesten Autorinnen der amerikanischen Gegenwartsliteratur. Für ihr viel bewundertes Werk wurde sie mehrfach ausgezeichnet. Für “Der Freund” erhielt sie 2018 den National Book Award und erreichte ein großes Publikum. Sie lebt in New York City.

Zum Buch:

Eine Frau nimmt den Hund ihres verstorbenen Freundes auf, und zwischen Mensch und Hund entwickelt sich eine Freundschaft. Was nach einer betulichen Tiergeschichte klingt, ist in Wirklichkeit ein überaus kluger Roman voll sanftem Witz über die Literatur, das Leben und den Tod. Sigrid Nunez’ Roman Der Freund ist ein wunderschönes, unbedingt lesenswertes Buch!

Die Ich-Erzählerin ist zunächst gar nicht begeistert, als die Witwe ihres langjährigen Freundes sie bittet, die riesige Dogge Apollo aufzunehmen. In ihrer kleinen Wohnung in Manhattan darf sie keine Hunde halten, und überhaupt ist sie eher ein Katzenmensch. Aber als sie merkt, dass Apollos Trauer über den Verlust des Freundes der ihren sehr ähnlich ist, kann sie es nicht über sich bringen, zuzulassen, dass der Hund in ein Tierheim kommt, und so nimmt sie ihn kurzerhand auf. Das ist gar nicht so ohne für die zierliche Frau, denn körperlich kann sie sich nicht gegen den sehr großen Hund durchsetzen. Bekannte sind entsetzt, als sie hören, dass die Frau den Hund sogar in ihrem Bett schlafen lässt.

Ihren toten Freund als Adressaten ansprechend, erzählt die Erzählerin nun die Geschichte ihrer Freundschaft. Sie hat den Frauenheld als Studentin in einem Seminar für kreatives Schreiben kennengelernt. Für ihn gehörte die erotische Komponente unbedingt zum Lehren dazu, und er verführte ungeniert sie und ihre Freundin. Während aus der Freundin seine erste Ehefrau wurde, entwickelte sich zwischen der Ich-Erzählerin und ihm unerwarteterweise eine lebenslange, tiefe platonische Freundschaft. In ihre Erzählung darüber mischen sich Reflexionen über das Schreiben über diese Freundschaft selbst und über die Grenzen der Literatur: Wie weit darf Literatur gehen? Darf sie moralische Grenzen überschreiten, darf sie Anstößiges, Intimes preisgeben? Kann sie über das Leben erzählen, ohne voyeuristisch zu werden, oder muss das in Kauf genommen werden? Die Erzählerin unterrichtet selbst kreatives Schreiben an der Universität und bringt in ihre Überlegungen immer wieder Beispiele aus ihrer Unterrichtserfahrung ein – etwa wenn sie feststellt, dass ihre Studierenden Literatur vermehrt moralisch statt ästhetisch betrachten – eine, wie sie meint, neuere Tendenz, die sie wie schon ihren verstorbenen Freund befremdet.

Die Erzählerin beginnt, während sie diese Überlegungen aufschreibt, dem Hund regelmäßig aus Rilkes Briefen an einen jungen Dichter vorzulesen. Ihre Gedanken kreisen dabei immer wieder um Macht und Ohnmacht des literarischen Schreibens. Hilft das Schreiben in der Trauer um einen geliebten Menschen? Reicht es, sich selbst im autofiktionalen Schreiben in einen literarischen Raum zu versetzen, um die schmerzhaften Erlebnisse des Lebens zu sublimieren? Ist Literatur letztlich Therapie oder nicht doch viel mehr?

Natürlich kann sie einen so großen Hund wie Apollo nicht vor der Hausverwaltung verheimlichen. Doch selbst, als die Kündigung ihres Mietvertrags kurz bevorsteht, will sie sich nicht von dem Hund trennen. Vom Tierarzt wird die Erzählerin gewarnt, ihren Hund nicht wie einen Menschen zu behandeln. Interessanterweise hat die Leserin am Ende des Romans aber den Eindruck, dass die Erzählerin und der Hund sich offen und mit Interesse aneinander angenähert haben, ohne dass einer von ihnen dafür die ihm eigene Natur verlässt. Das große Verdienst dieses Buches, das wird am Ende sehr deutlich, ist also eine ungewöhnliche Perspektive auf Freundschaft. Das Nunez es schafft, dabei ohne Pathos auszukommen, macht dieses Buch so wunderbar.

Alena Heinritz, Münster