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Sicherheitszone

Autor
Seddig, Katrin

Sicherheitszone

Untertitel
Roman
Beschreibung

Sommer 2017, kurz vor dem G20-Gipfel. Hamburg, seine Polizeikräfte und seine Einwohner bereiten sich auf den Besuch von Merkel, Putin und Trump vor. Vor diesem Hintergrund lernen wir Familie Koschmieder kennen. Thomas ist Antiquitätenhändler, hat sich gerade in eine der Lehrerinnen an der Schule seiner Tochter Imke verknallt und seine Frau Natascha verlassen. Und während diese aus purer Gewohnheit immer noch die Hemden des Gatten bügelt und sich um ihre Schwiegermutter Helga kümmert, die mit im Haus wohnt, grübelt sie über ihr Leben und über die Möglichkeit, sich zu verändern. Sohn Alexander wohnt trotz seiner 22 Jahre noch immer zu Hause; er wurde adoptiert, bevor seine Schwester als leibliches Kind seiner Eltern geboren wurde, und ist einer der Polizisten, die in wochenlangen Trainings auf die bevorstehende Ausnahmesituation vorbereitet wurden.
(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
Rowohlt Berlin, 2020
Seiten
458
Format
Gebunden
ISBN/EAN
978-3-7371-0096-0
Preis
24,00 EUR
Status
lieferbar

Zur Autorin / Zum Autor:

Katrin Seddig, geboren in Strausberg, studierte Philosophie in Hamburg, wo sie auch heute mit ihrer Familie lebt. Über ihren Roman «Runterkommen» (2010) schrieb die «taz»: «Ein brillantes Debüt … Anrührend, witzig und nüchtern.» Über «Eheroman» (2012) meinte «Der Tagesspiegel»: «Grandios, wie Katrin Seddig jeder ihrer Figuren einen eigenen Ton verleiht»; zuletzt erschien 2017 «Das Dorf». Katrin Seddig wurde mit dem Calwer Hermann-Hesse-Stipendium 2020 und für den noch nicht veröffentlichten Roman «Sicherheitszone» mit dem Hamburger Literaturpreis 2019 ausgezeichnet.

Zum Buch:

Sommer 2017, kurz vor dem G20-Gipfel. Hamburg, seine Polizeikräfte und seine Einwohner bereiten sich auf den Besuch von Merkel, Putin und Trump vor. Vor diesem Hintergrund lernen wir Familie Koschmieder kennen. Thomas ist Antiquitätenhändler, hat sich gerade in eine der Lehrerinnen an der Schule seiner Tochter Imke verknallt und seine Frau Natascha verlassen. Er wohnt jetzt in einem Zimmer über der Garage, raus aus der Familienidylle. Frei von Verpflichtungen? Vor allem aber immer noch in Sichtweite. Und während Natascha aus purer Gewohnheit immer noch die Hemden des Gatten bügelt und sich um ihre Schwiegermutter Helga kümmert, die mit im Haus wohnt, grübelt sie über ihr Leben und über die Möglichkeit, sich zu verändern. Sohn Alexander wohnt trotz seiner 22 Jahre noch immer zu Hause; er wurde adoptiert, bevor seine Schwester als leibliches Kind seiner Eltern geboren wurde, und ist einer der Polizisten, die in wochenlangen Trainings auf die bevorstehende Ausnahmesituation vorbereitet wurden.

Gute drei Jahre ist es schon her, dass ein politisches Großereignis eine deutsche Stadt in Atem hielt. Und diese Familie Koschmieder steht für eine ganz normale Hamburger Familie, die eher ein geordnetes und nicht gerade politisch aktives Leben führt. Von Tag zu Tag gerät die familiäre Ordnung jedoch immer mehr in Schieflage. Nicht nur die Eltern in ihrer Ehekrise, sondern auch die Geschwister Imke und Alexander, die sich immer gut verstanden hatten, driften auseinander. Imke spürt, dass sie nicht länger untätig zusehen will, wie die Welt in die falsche Richtung läuft, und trifft in ihrem Freundeskreis auf Gleichgesinnte, die schon Erfahrungen damit haben, auf die Straße zu gehen und sich gegen Obrigkeit und Polizeigewalt aufzulehnen. Bruder Alexander muss als Polizist an seinem vermeintlich eindeutigen Bezugsrahmen von „Gesetz und Ordnung“ festhalten, um seine Tätigkeit nicht ständig in Frage zu stellen. Aus Sicht einiger seiner Kollegen entwickelt sich seine Schwester aber zu einer „linken Zecke“. Die Frage der Loyalität und der Druck, sich zu positionieren, setzen Alexander zu.

Die Hamburger Autorin Katrin Seddig zeigt in ihrer spannenden und komplex konstruierten Familiengeschichte, dass es in unserer globalisierten Welt keinen politikfreien Raum mehr geben kann und dass das Weltgeschehen und das individuelle Handeln in einer stetigen Wechselbeziehung stehen. Mit jedem weiteren Blickwinkel auf die bedrohlich aufgeheizten Hochsommertage damals in Hamburg wird klar, dass falsch und richtig keine absoluten Kategorien darstellen und die Vielstimmigkeit der Meinungen keine neutrale Beurteilung der Situation erlaubt.

Wenn man etwas kritisieren möchte, dann vielleicht, dass seine Autorin zu viel auf einmal wollte: politische Orientierung, Klimawandel, Radikalisierung, Midlifecrisis, Adoption, Homosexualität und eine Schwiegermutter, die ehemals selbst als Flüchtling aus Ostpreußen kam und sich heute klar gegen Ausländer ausspricht. Möglicherweise sind das zu viele Themen auf einmal. Vielleicht macht die Vermischung all dieser Themen aber auch klar, dass die individuelle Erfahrungswelt jedes Einzelnen relevant ist, wenn es um die Bewältigung gesellschaftlicher Krisen geht. 2017 könnte genauso 2020 sein, und ob Polizei und Demonstranten bei einem G20-Gipfel oder einer „Querdenker“-Demonstration aufeinanderprallen, ist in gewisser Hinsicht völlig austauschbar. Deswegen ist Seddings Sicherheitszone ein ausgesprochen zeitgemäßer und lesenswerter Roman.

Larissa Siebicke, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt