Zum Inhalt springen
Zu den aktuellen Empfehlungen
Cover: Zugvögel

Empfehlung von
Gottfried Kößler, Frankfurt am Main

Iwan Heilbut

Zugvögel

Roman

Dieser Roman ist eine Flaschenpost aus dem Deutschen Exilarchiv 1933-1945. Iwan Heilbut hat ihn kurz nach der glücklichen Ankunft in New York geschrieben. Er erschien nur in den USA und ist nun von Peter Graf erstmals in deutscher Sprache und vollständig auf Grundlage des Manuskriptes herausgegeben worden. Die Handlung folgt in wesentlichen Zügen den Erfahrungen des Autors von 1939 bis 1941. Der Erzähler lebt 1939 mit seiner Frau in Paris, wo sich beide zu Hause fühlen. Schon 1933 sind sie aus Deutschland geflohen und identifizieren sich mit dem Lebensstil und den Freiheitsversprechen Frankreichs. Mit der wachsenden Kriegsdrohung gerät ihr Leben immer mehr unter Druck. Die französische Öffentlichkeit und die Politik wenden sich gegen die „feindlichen Ausländer“. Als solche werden alle Deutschen betrachtet, ohne Ansehen ihrer politischen Position oder Fluchtgründe. Heilbut legt großen Wert auf die Differenzierung von Verhaltensweisen und Haltungen angesichts dieser Entwicklung, die sich mit der Kriegserklärung Frankreichs und England gegen Deutschland nach dem Überfall auf Polen steigert.

Im ersten Teil erzählt Heilbut von der Einschränkung des Lebens und den Verhaltensweisen der französischen Nachbarn im Mietshaus in der Rue de Tournon. In immer neuen Szenen und Gesprächen wird anschaulich, wie die Vielfalt der Perspektiven und Lebensverhältnisse das ausmacht, was der Erzähler „das helle Frankreich“ nennt. Vor allem das Concierge-Ehepaar Auger steht für das bessere Frankreich, diese beiden ziemlich verstrittenen Eheleute werden in den bald beginnenden Zeiten des Ausschlusses zu Stützen des Erzählers Edvard und seiner Frau Rahel, die schwanger ist. Auch historisch informierte Lesende lernen einiges dazu über die Details der französischen Politik gegen die Geflüchteten dieser Epoche. Es gibt vieles, was einem sehr gegenwärtig vorkommt. Wer übrigens die historische Entwicklung der Politik gegen die Flüchtenden während der NS-Zeit genau kennenlernen möchte, sollte das neue Buch von Susanne Heim lesen: Die Abschottung der Welt.

Heilbut führt als rettende, fast mythische Figur das Kind von Rahel und Edvard ein. Von der Erwartung des Kindes handeln die ersten Seiten des Romans. Es bringt durch das gesamte Buch die Hoffnung und das Licht in die immer dunklere und dramatischere Entwicklung der Geschichte. Das hat immer wieder eine Tendenz zum Überhöhten. Zugleich ist das Vertrauen in die Kraft des Kindes, alle Gefahren überwinden zu helfen, eine Möglichkeit, Zukunftshoffnung zu bewahren, ohne politische oder religiöse Utopien zu formulieren. Heilbut nutzt aber auch viele Gelegenheiten, in Gesprächen der handelnden Personen oder im inneren Monolog der Hauptfigur Edvard die philosophischen und moralischen Grundlagen Europas zu verhandeln.

Der zweite Teil des Romans erzählt von der Zuspitzung der Lage der Emigrierten, vom wachsenden Druck, aber auch von solidarischen Handlungen im Alltag. Die deutschen Emigrant*innen in Paris werden 1940 nach dem Beginn der deutschen Offensive gegen Frankreich interniert. Die Männer im Buffalo-Stadion, die Frauen im Velodrom d’Hiver. Die Szenen im Stadion, die unterschiedlichen Verhaltensweisen der Menschen auf allen Seiten, ob es die Wachen oder die Internierten oder die Angehörigen an den Toren sind, erzählt Heilbut mit großem Interesse am Detail. Der Roman funktioniert wie ein neorealistischer Film. Die Handlung verzweigt sich immer wieder, wenn es darum geht, Dilemmata zu zeigen oder Entscheidungen, die an humanitärer Moral oder umgekehrt am Egoismus, am Alltagsrassismus, an nationalistischer Engstirnigkeit orientiert sind. Eine Vielzahl von Personen wird eingeführt, mit denen Edvard und Rahel in ihrem immer mühevolleren Alltag zu tun haben. Den meisten werden die Lesenden im Lauf des Romans wieder begegnen und ihre sehr unterschiedlichen Verhaltensweisen unter den schwierigsten Bedingungen kennenlernen.

Die Internierten werden in ein Lager im Arrondissement d’Angoulême deportiert. Die Verhältnisse dort und die unterschiedlichen Gruppen der Häftlinge lernt der Lesende langsam immer besser kennen. Es gibt einen faschistischen Lagerleiter, der sich später tatsächlich als NS-Spitzel herausstellt. Es gibt Anpassung und Widerstand, Solidarität, Ignoranz und eine schroffe soziale Hierarchie. Dass die Emigranten, die hier zusammengesperrt sind, wenig gemeinsam haben, kann man sich vor dem Hintergrund der historischen Situation denken. Heilbut macht dies aber in der Beschreibung von gefahrvollen Situationen und in langen philosophischen Gesprächen unter den Internierten konkret erfahrbar,.

Im dritten Teil wird die Situation für die Internierten immer gefahrvoller, bis nach der französischen Kapitulation die Übergabe der Gefangenen an die Gestapo befürchtet wird. Genau das ist auch die Absicht des Lagerleiters. In höchster Not gelingt es Edvard, den Vorgesetzten dieses nun offen als NS-Agent agierenden Mannes zu sprechen und die Befreiung der Internierten zu erreichen. Das Erscheinen von Rahel mit dem Kind ist für diese Entwicklung das wesentliche Moment. Die Erfahrungen auf dem Weg von Angoulême über Toulouse und Marseille nach Spanien und schließlich vom Lissabon aus auf das rettende Schiff werden in retrospektiven Berichten während der Überfahrt nach New York erzählt. Dabei spielen eine große Zahl von ehemaligen Internierten eine zentrale Rolle, die die Lesenden nun nach fast 600 Seiten gut kennen. So lassen sich die von Realismus oder eben auch von Egoismus oder von Verzweiflung geprägten Gespräche lesen, als ob man es mit alten Bekannten zu tun hätte.

Der Roman führt mitten in die Erfahrung der Exilierten hinein, er ist ein Zeugnis, das noch nicht retrospektiv ist. Eine emotional herausfordernde, sehr bildende Lektüre.

Verlag
Claassen
Erscheinungsdatum
25.06.2026
ISBN/EAN
978-3-546-10159-2
Format
Einband - fest (Hardcover)
Seiten
656
Preis
29,00 €
Status
lieferbar

Zur Autorin / Zum Autor

Iwan Heilbut (auch Iven George Heilbut und Jan Helft) wurde 1898 in Hamburg geboren und starb 1972 in Bonn. 1928 erscheint im Horenverlag sein erster Roman. Triumph der Frau, ein in Berlin spielender Künstlerroman, wird sein erster literarischer Erfolg. In kurzer Folge erscheinen zwei weitere Romane. 1930 veröffentlicht die Deutsche Buchgemeinschaft seinen Hebbel-Roman Kampf um Freiheit und 1932 publiziert der Ullstein Verlag den Roman Frühling in Berlin. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wird Heilbut vorübergehend inhaftiert und seine Manuskripte werden beschlagnahmt. Ihm gelingt die Flucht nach Prag, im Herbst 1933 lässt er sich dann in Paris nieder. Ab Dezember desselben Jahres erscheinen erste Beiträge in den Pariser Exilzeitschriften. Er veröffentlicht im „Neuen Tagebuch“ und dem „Pariser Tageblatt“, verdient seinen Lebensunterhalt aber hauptsächlich als Korrespondent der „Basler National-Zeitung“. 1937 erscheint sein 140 Seiten umfassender politischer Essay Die öffentlichen Verleumder - Die „Protokolle der Weisen von Zion“ und ihre Anwendung in der heutigen Weltpolitik, der für viel Aufsehen sorgt und auch in französischer Übersetzung erscheint. Mit Beginn des 2. Weltkriegs wird er in Paris ein erstes Mal interniert. Eine mehrwöchige Internierung in der Nähe von Tours folgt unmittelbar nach Beginn des Frankreichfeldzugs. Nach seiner Freilassung im August 1940 gelingt es Heilbut sich gemeinsam mit seiner Frau Charlotte und ihrem acht Monate alten Sohn nach Marseille durchzuschlagen. Dort erhält er Unterstützung von Varian Fry und dem Emergency Rescue Committee (ERC), denn er steht auf der sogenannten von Thomas Mann verfassten „first preference list“ für besonders gefährdete Schriftsteller und Journalisten. Nach einer spektakulären Flucht über die Pyrenäen erreicht er im September 1940 mit seiner Familie Lissabon, von wo aus sie sich in Richtung USA einschiffen lassen. In New York ist Heilbut zunächst auf finanzielle Hilfe angewiesen. Es gelingt ihm, einen amerikanischen Verlag für seinen im Exil entstandenen Roman Zugvögel/Die Überlebenden zu finden. Er erscheint 1943 in stark gekürzter Form unter dem Titel „Birds of Passage“. Das Buch wird Heilbuts größter literarischer Erfolg in den Vereinigten Staaten. 1950 kehrt Heilbut nach Deutschland zurück und arbeitet für diverse Zeitungen und den Rundfunk. 1949 erscheint sein Roman Liebhaber des Lebens, aber Iwan Heilbut gelingt es nicht, an seine schriftstellerischen Erfolge der Weimarer Zeit anzuknüpfen. 

Weitere Empfehlungen von Gottfried Kößler

8 Empfehlungen