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Cover: Die Lücken

Empfehlung von
Gottfried Kößler, Frankfurt am Main

Shida Bazyar

Die Lücken

Roman

Das Vergangene ist nicht vergangen, es lebt weiter und verschränkt sich mit der Gegenwart. In diesem Roman ist das noch komplizierter. Er besteht aus einem Geflecht von Erzählungen. Die Geschichten der Protagonistinnen überlagern sich. Lore geht die Straße entlang. Das erzählt Bazyar zweimal. Zu Beginn des Romans kennen wir die Straße noch nicht und auch Lore ist für uns Lesende noch neu. Am Ende des zweiten von drei Kapiteln heißt die Überschrift: „Lore geht die Straße entlang, zweiter Teil.“ Beinahe gleichen sich diese beiden Erzählungen. Aber jetzt wissen wir, dass Lores Kindheitsfreundin Johanna gerade aus dem Ort Heimesbach vertrieben wurde, dass nach dem Novemberpogrom die Verstrickung der meisten Einwohner des Ortes in die Verbrechen des Holocaust überall gegenwärtig ist und zugleich nicht wahrgenommen wird. In den beiden Erzählungen von Lore und der Straße verschiebt sich unter der Hand die Zeit. Bazyar beschreibt sie beim Gehen, Schauen und Nachdenken, und wir erfahren dabei, wie sie sich beim Erwachsenwerden verändert. In der zweiten Beschreibung ihres Weges durch die Straße, wieder auf dem Weg zum Bahnhof, an denselben Häusern vorbei, ist sie der jugendlichen Lore noch ähnlich, aber ihr Blick auf ihre Straße ist gezeichnet von dem Wissen um die judenfeindliche Gewalt, die ihre eigenen Leute immer offener ausleben. Sie hat sich von der Jugendfreundin abgewendet. „(a)ber die Kunst ist, die richtigen Gedanken zuzulassen und falsche Gedanken wegzuwischen, so, wie man den Schnee von den Straßen schippt, hier gibt es kein Bedauern, du bist froh, wenn er weggeräumt ist.“ 

Bazyar widmet diesen Roman dem Gedenken an die ermordeten Hermeskeiler Jüdinnen und Juden. Dass der Ort im Roman Heimesbach heißt, schafft der Autorin erzählerische Freiheit. Es geht nicht nur um die Verstrickung der Hermeskeiler Bevölkerung in die NS-Verbrechen und die Schuld. Die komplexe Struktur des Romans macht die Facetten der historischen Erfahrungen lesbar. Er blickt aus dem Abstand von mehreren Generationen zurück und verfolgt die Bewohner*innen des Städtchens bis ins 21. Jahrhundert. So kommen andere Perspektiven zu den volksdeutschen und den jüdischen Erfahrungen hinzu. Ein Teil der Geflüchteten, die seit den 1980er Jahren im Ort leben, finden einen Weg in das Netzwerk der Beziehungen, die Gesellschaft der Kleinstadt wird, soziologisch gesagt, postmigrantisch. Das ist ein Prozess voller Fallstricke und Rückschläge. Die rassistischen Traditionen, die verschwiegenen Verstrickungen werden immer wieder wirksam. Die Lesenden erfahren das nicht nur aus den direkten Bezügen, die Bazyar herstelle, wenn das Haus der jüdischen Familie nach Jahrzehnten das Haus eine iranischen Familie wird. Weiß das Haus von der Geschichte? Ist sie erkennbar?

Es gibt Passagen, die direkt anschließen an die historische Forschung, unser Wissen über die Alltagsgeschichte des Nationalsozialismus und über die Geschichte von Flucht und Arbeitsmigration. Es sind Reflexionen über die Kontinuitäten, über die Veränderungen, über das Vergessen. Für diese Erzählebene ist im Roman Lu zuständig. Sie ist der Geist einer Verstorbenen, sie war eine Geflüchtete aus dem Iran, sie weiß über alle sehr viel und ihr Erzählton ist vom Verlust durchdrungen.

Dieses Buch ist nicht leicht zu lesen. Auch die Lektüre ist eine Arbeit an der Gegenwart des Vergangenen. Der Roman legt keine einfache Verwendung des Gedenkens als Lehre aus den Verbrechen des Holocaust nahe, es ist eine herausfordernde Arbeit. Heinz Kahn , von dem Bazyar im Epilog berichtet, wie er dem SWF in den 1980er Jahren ein Interview gibt, habe ich kennengelernt. Er war einer der Überlebenden des KZ Auschwitz III / Buna-Monowitz, die wir vom Fritz Bauer Institut 1998 ins ehemalige IG-Farben-Haus eingeladen hatten. Hier ist ein Interview mit ihm, das im Wollheim-Memorial auf dem Gelände der ehemaligen IG-Farben-Hauptverwaltung in Frankfurt am Main an die Häftlinge dieses KZ der deutschen Chemieindustrie erinnert. Heinz Kahn war ein offensiver Sprecher für die jüdische Sache und für humanitäre Werte. Er hätte sich über dieses Buch gefreut.

Verlag
Kiepenheuer & Witsch
Erscheinungsdatum
03.09.2026
ISBN/EAN
978-3-462-00501-1
Format
Einband - fest (Hardcover)
Seiten
512
Preis
25,00 €
Status
lieferbar

Zur Autorin / Zum Autor

Shida Bazyar, geboren 1988 in Hermeskeil, studierte Literarisches Schreiben in Hildesheim und war viele Jahre in der Jugendbildungsarbeit tätig. Ihr Debütroman »Nachts ist es leise in Teheran« (2016) wurde mehrfach übersetzt und ausgezeichnet, u.a. mit dem Ulla-Hahn-Autorenpreis, dem Uwe-Johnson-Förderpreis und der Nominierung zum International Booker Prize. »Drei Kameradinnen« folgte 2021 und stand auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis. 2023 wurde ihre Arbeit mit dem Ernst-Toller-Preis geehrt.

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