Empfehlung von
Ralph Wagner, Frankfurt am Main
Michel Bergmann
Weinhebers Koffer
Der Journalist und Filmemacher Elias Ehrenwerth ist auf der Suche nach einem außergewöhnlichen Geburtstagsgeschenk für seine Freundin. Bei einem Berliner Trödler entdeckt er einen alten, gut erhaltenen Koffer, der unter dem Tragegriff zwei goldgeprägte Initialen hat: L.W. Elias kauft den Koffer ohne langes Überlegen, denn mit ihm scheint er das perfekte Geschenk für seine Freundin Lisa Winter gefunden zu haben. Zu Hause entdeckt er in einer Stoff-Innentasche des Koffers eine angegraute Visitenkarte. Augenblicklich ist seine Neugier geweckt. Der Journalist ist elektrisiert, wittert er doch eine spannende Story. Umgehend beginnt Elias mit seiner Recherche, um so viel wie möglich über den früheren Besitzer des Koffers, einen gewissen Dr. phil. Leonard Weinheber aus Berlin-Wilmersdorf, herauszufinden. Seine Spurensuche führt ihn in das heutige Israel und in die deutsche Vergangenheit. Elias findet heraus, dass Leonard Weinheber Schriftsteller war. 1939 befand er sich mit weiteren 700 Juden aus verschiedenen europäischen Ländern auf der Adriatica, einem Flüchtlingsschiff auf dem Weg von Marseille nach Jaffa. Doch in Palästina kam lediglich sein Koffer an, der fast 70 Jahre später in Berlin wieder auftauchte. Elias spürt der Sache weiter nach: In Israel trifft er den Mann, der den herrenlosen Koffer 1939 an sich genommen und aufbewahrt hat. Neben Kleidungsstücken und einer Schreibmaschine befanden sich auch ein Bündel Briefe und ein Roman-Manuskript darin.
Geschickt und wirkungsvoll lässt Michel Bergmann Romanfragmente und Briefe der bereits in Palästina lebenden Freundin Leonard Weinbergers, Lenka Rosen, in seine Erzählung einfließen. Damit liefert er nicht nur Puzzlestücke für Elias' Recherche, sondern veranschaulicht sowohl die beklemmende Atmosphäre als auch die sich immer dramatischer zuspitzende Situation für die deutschen Juden seit der Reichspogromnacht. Heute ist uns bekannt, wohin das alles geführt hat und dass auch die Staatsgründung Israels 1948 eine Konsequenz der nationalsozialistischen Politik des Vertreibens und Mordens war. Und hier schlägt der Autor den nächsten Bogen: Er thematisiert das Infragestellen des Existenzrechts Israels, die inneren Widersprüche und Probleme der israelischen Gesellschaft sowie das Verhältnis zu und den Umgang mit den Palästinensern. Es sind große, komplexe und strittige Fragen, die Michel Bergmann in seinem zwar nur 140 Seiten zählenden, dafür aber umso gewichtigeren Roman anspricht. Seine Themen sind Verlust von Rechten, Vertreibung und Flucht sowie der legitime Kampf für das eigene Existenzrecht. Michel Bergmann erzählt mit viel Empathie, einem wunderbaren Humor, aber auch streitlustig und ironisch. Herausgekommen ist ein feines kleines Buch, das keine schnellen Antworten bietet, aber viel Stoff zum Nachdenken und Diskutieren birgt.
Dieser Titel ist nicht mehr lieferbar.
- Verlag
- Dörlemann Verlag
- Erscheinungsdatum
- 2015
- ISBN/EAN
- 978-3-03820-016-1
- Format
- Buch
- Seiten
- 144
- Preis
- 18,00 €
- Status
- nicht lieferbar, anderes Format verfügbar
Zur Autorin / Zum Autor
Michel Bergmann wurde als Kind jüdischer Eltern in einem Internierungslager in der Schweiz geboren. Nach einigen Jahren in Paris ziehen die Eltern nach Frankfurt am Main. Bergmann absolvierte eine Ausbildung bei der Frankfurter Rundschau, wird er freier Journalist, später Autor, Regisseur und Produzent; er verfasst Drehbücher für Film und Fernsehen.