Empfehlung von
Rudolf Walther, Frankfurt am Main
Willi Baer; Karl-Heinz Dellwo
Verdeckter Bürgerkrieg und Klassenkampf in Italien Band I
Die sechziger Jahre.
In der überaus verdienstvollen „Bibliothek des Widerstands“ des Laika Verlags ist ein weiterer Band erschienen. Er behandelt die 60er Jahre in Italien und insbesondere die Herausbildung einer spezifisch italienischen Bewegung – den „operaismo“/“Operaismus“ –, der auch anderswo nachgeahmt wurde, aber nirgend so großen Einfluss gewonnen wie im Norden Italiens. Der nicht übersetzbare Name der Bewegung geht auf das italienische Wort für „Arbeiter“ („operaio“) zurück und meint eine genuin von Fabrikarbeitern, nicht von Partei- oder Gewerkschaftsorganen, getragene Bewegung, die sich programmatisch mit Intellektuellen verbündet. Die Bewegung richtet sich gleichermaßen gegen Kapital- wie Staatsmacht.
Der schön bebilderte Band enthält einen sehr informativen Beitrag von Cesare Bermani zur Geschichte des Operaismus und einen Essay von Sergio Bologna zur theoretischen Fundierung und Entwicklung der Bewegung, die sich in Abgrenzung zur „Resistenza“, der Widerstandsbewegung gegen den Faschismus, als „neue“ oder „rote Resistenza“ begriff und einen explizit revolutionären Anspruch erhob. Die Besonderheit der „Bibliothek des Widerstands“ besteht darin, dass jeder Band nicht nur Aufsätze und Fotos enthält, sondern auch eine oder mehrere DVDs mit Dokumentarfilmen. Diesem Band sind zwei DVDs mit sieben Filmen beigegeben. Herausragend ist der Film von Lino del Fra, der die Geschichte der aus Süditalien nach Norden eingewanderten Hilfsarbeiter erzählt, die man herabsetzend „terroni“ („Dreckfresser“) nannte und die im Norden oft keine Arbeit fanden und sich als Kleinkriminelle durchschlugen. Sie wohnten in Hütten ohne Strom- und Wasseranschluss und fristeten ein trostloses Leben, das Lino del Fra in seinem mit einem goldenen Löwen ausgezeichneten Film ergreifend dokumentiert.
Die italienische Geschichte der Nachkriegszeit ist hier wenig bekannt, aber Bermanis Aufsatz schafft Abhilfe. Der demokratische Aufbruch nach dem Sieg über den Faschismus war von kurzer Dauer. Bereits 1947 wurden Partisanen, Kommunisten und Sozialisten aus der Regierung ausgeschlossen. 1958 kam der Linkssozialist Lelio Basso zu dem Schluss, dass das „neue Italien“ weder „den Kern des Faschismus zerstört“ noch „die Kräfte besiegt“ habe, „die dem Faschismus zum Sieg verholfen hatten“.
Unter dem Druck von Polizei und Justiz, in denen die alten faschistischen Eliten überwinterten, bildete sich die soziale Bewegung des Operaismus vor allem im industrialisierten Norden zwischen Turin, Mailand und Genua heraus. Ansätze dafür boten nicht nur Streiks und die polizeiliche Repression, sondern die Bildung einer christdemokratischen Minderheitsregierung am 25.3.1960, die sich von den Neofaschisten des „Movimento sociale italiano“ (MSI) tolerieren ließ. Nach einem Generalstreik trat diese Regierung zurück und wurde von der des „ewigen“ Ministerpräsidenten Amitore Fanfani abgelöst. Mehrere Streiks nahmen den Charakter von Aufständen an, bei denen es Tote und Verletzte gab, denn die Polizei agierte auch mit militärischen Mitteln und jagte Demonstranten buchstäblich durch die Städte – mit Pferden, Hunden und Jeeps. Die „nuova Resistenza“ bzw. der neue Antifaschismus richtete sich auch gegen die „großen Maschinen“ (Sergio Bologna), d.h. die kommunistische Partei (PCI) und die Gewerkschaftsverbände, die die neue Bewegung zügeln wollten.
Intellektuelle, die sich auf die Seite des Operaismus schlugen (Toni Negri, Danilo Motaldi, Ranierio Panzieri u.a.), wurden in ihren Erwartungen allerdings bald enttäuscht. Die Bewegung aus Arbeitern und Intellektuellen erwies sich um 1960 als zu schwach. Ihr bleibendes Verdienst ist es, dass sie den Geist des Widerstands nicht mit Denkmälern und Gedenktagen feierte, sondern mit militanten Streiks, mit „Leidenschaft und politischer Intelligenz“ (Rossana Rossanda).
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- Verlag
- LAIKA Verlag
- Erscheinungsdatum
- 2014
- ISBN/EAN
- 978-3-944233-17-8
- Format
- Einband - fest (Hardcover)
- Seiten
- 224
- Preis
- 29,90 €
- Status
- keine Aktualisierungen mehr