Empfehlung von
Rudolf Walther, Frankfurt am Main
Peter-André Alt
Die Kanzler und die Intellektuellen
Geschichte einer unbequemen Beziehung
Das Verhältnis der Kanzler der BRD zu den Intellektuellen zwischen1949 und 2025 schwankte zwischen Ignoranz, Distanz, Respekt, Annäherung und Verachtung. Der Berliner Professor für Literaturwissenschaft und langjährige Hochschulmanager Peter-André Alt beschreibt die vielfältigen Beziehungen der deutschen Kanzler in seiner ebenso detaillierten wie umfang- und kenntnisreichen Studie mit Sorgfalt und Akribie. Er skizziert das komplexe Geflecht minutiös, wobei er auf subjektive Urteile und Wertungen über Personen, Sachverhalte und Ereignisse in der Regel verzichtet und fairen, sachbezogenen Einordnungen den Vorzug gibt, was beim Thema Intellektuelle, die oft zu Polemik und Einseitigkeiten neigen und neigten, alles andere als selbstverständlich ist. Das Buch, das obendrein gut lesbar ist, hat zweifellos das Format eines historischen Standardwerks zum Thema „Intellektuelle und politische Macht, von der Mitte des 20. bis zum ersten Viertel des 21. Jahrhunderts“. Es liegt auf der Hand, dass eine Rezension in einer Tageszeitung aus Platzgründen nicht alle acht Kanzler und schon gar nicht alle gleichgewichtig berücksichtigen kann, obwohl Alts souveränes und dichtes Buch dazu reizt.
Die Rollen und Funktionen, die Intellektuelle sich selbst zuschreiben oder denen sie von Medien und Öffentlichkeit oder der Politik zugeordnet werden, variieren stark. Verallgemeinernd kann man jedoch sagen, dass sie sich durch ihre Distanz zur Politik auszeichnen, was sie von Experten unterscheidet, die als Beratende, die von der Politik konsultiert und mehr oder weniger direkt in politische Entscheidungen einbezogen sind.
Typisch für den Rat zur Wahrung der Distanz zur Politik war der Aufruf von Hans Magnus Enzensberger von 1957 an die Intellektuellen: „Seid höflich zu den Henkern.“ Aber zwei Ereignisse während der Herrschaft von Adenauers „republikanischer Autokratie“ 1949-63 (P.A. Alt) beförderten die Politisierung vieler Intellektuellen schnell: Die Pläne des Kanzlers, den Rundfunk und das noch junge Fernsehen staatlich zu bevormunden, und die „Spiegel“-Affäre von 1962, die zum Rücktritt des darin verwickelten Verteidigungsministers Franz Josef Strauß führte und eine landesweite Protestwelle für die Freiheit der Presse auslöste.
Am 15.10.1963 trat der „ewige“ Kanzler endlich zurück, und Ludwig Erhard trat mit dem Versprechen „Wohlstand für alle“ in seine großen Fußstapfen. Er ließ zwar seine Reden von professionellen Schreibern verfassen, fand aber zu Künstlern und Intellektuellen kein Verhältnis. Bald stand der neue Kanzler auch politisch zwischen allen Stühlen: an Israel lieferte die BRD keine Waffen mehr und Nasser verweigerte sie die versprochene Wirtschaftshilfe, was schließlich mit der Aufnahme von diplomatischen Beziehungen mehr kaschiert als kompensiert wurde. Damit verärgerte er im Innern Konservative und stärkte die Oppositionellen von links: Enzensberger gründete 1965 zusammen mit Karl Markus Michel das „Kursbuch“, das sich bald als Hauptorgan der oppositionellen Linken etablierte, während sich beim Springer-Verlag die Rechtsintellektuellen versammelten, die für die Fortdauer der geltenden Verjährungsfristen für die Verbrechen unter dem Nazi-Regime eintraten.
Der Wahlkampf des ehemaligen Emigranten Willy Brandt 1969 wurde geprägt von der Aufbruchstimmung im ganzen Land und dem Engagement vieler Intellektueller für Brandt und die SPD. Im Kanzleramt schuf Brandt ein schlagkräftiges Team von Intellektuellen und Zuarbeitern unter dem brillanten Juraprofessor Horst Ehmke, der das Amt in ein „Informationsnetzwerk modernster Verwaltung“ (P.-A. Alt) verwandelte, in der die „Schreibstube“ unter Klaus Harpprecht und der „Meisterdenker“ Egon Bahr im Kabinett zentrale Rollen spielten.
Die Kanzlerschaft Helmut Schmidts und seine Politik standen im Zeichen von Pragmatismus mit einem Fundament aus rationalen Prinzipien und Effizienz. Diese Mischung erwies sich als praktikabel und erfolgreich unter dem immensen Druck auf die Linken in den Jahren des RAF-Terrors, als rechte und konservative Einpeitscher und Hetzer wie Heiner Geißler, Matthias Walden und Andere sich darauf verlegten, eine „geistige Verwandtschaft“ zwischen Linken und Terroristen zu unterstellen. Aber der Kanzler Schmidt behielt in größter Not seinen Kurs und die Nerven, womit er eine illustre Runde von Gästen im Kanzleramt mitten in der Krise tief beeindruckte. Zu ihnen gehörten die Schriftsteller Heinrich Böll, Max Frisch, Siegfried Lenz und der Verleger Siegfried Unseld, der nach der fünfstündigen Diskussion bekannte: „Ich möchte nicht Gewalt haben über das Leben von Menschen.“
Helmut Schmidts Nachfolger Helmut Kohl pflegte ein robustes Nicht-Verhältnis zu Intellektuellen, das auf solider Gegenseitigkeit beruhte. Mit Kanzler Kohl ist der Gegensatz von Geist und Politik obsolet geworden, weil sich die Politik im „Milieu der Geistlosigkeit“ (Enzensberger) eingerichtet hat.
- Verlag
- C.H.Beck
- Erscheinungsdatum
- 20.08.2026
- ISBN/EAN
- 978-3-406-83720-3
- Format
- Einband - fest (Hardcover)
- Seiten
- 811
- Preis
- 48,00 €
- Status
- lieferbar
Zur Autorin / Zum Autor
Peter-André Alt ist Professor für Neuere deutsche Literaturwissenschaft an der Freien Universität Berlin, die er von 2010 bis 2018 als Präsident leitete. Von 2018 bis 2023 war er Präsident der Hochschulrektorenkonferenz, seit April 2023 führt er die Wübben Stiftung Wissenschaft in Berlin. Bei C.H.Beck ist u.a. von ihm erschienen: "Franz Kafka. Der ewige Sohn", "Sigmund Freud. Der Arzt der Moderne" und zuletzt "Exzellent!? Zur Lage der Universität".