Empfehlung von
Larissa Siebicke, Autorenbuchhandlung Marx & Co, Frankfurt am Main
Emmanuel Carrère
V13
Die Terroranschläge in Paris. Aus dem Französischen von Claudia Hamm
Das neue Buch des französischen Autors Emmanuel Carrère mit dem Titel V13 (als Kurzform für Vendredi 13, Freitag, 13. November, dem Tag der Attentate in Paris 2015) ist viel mehr als die im Untertitel benannte Gerichtsreportage. Teil des Geschehens und doch immer wieder in klarer Distanz taucht der Autor unter die Oberfläche eines neun Monate währenden Gerichtsprozesses und schafft damit eine Mischung aus Reportage und Essay, deren spürbarer Sog auch auf der Relevanz der Ereignisse und der Universalität der Fragen im Umgang mit Terrorismus beruht.
In einem eigens für diesen Jahrhundertprozess erbauten Gerichtsgebäude kommen 140 Nebenkläger zu Wort „Verletzt, trauernd oder betroffen“. Diesem Teil des Prozesses zu den Geschädigten, den Carrère neben die großen Abschnitte „Die Beschuldigten“ und „Das Gericht“ stellt, widmet er den ausführlichsten und ergreifendsten Teil seines Buches. Er lässt viele von ihnen zu Wort kommen und somit in ihrer Individualität und Geschichte sichtbar werden. Manchmal ist das unermessliche Leid dieses Abends und die Grausamkeit der Attentate fast nicht auszuhalten. Die bewegenden Momente von Hilfsbereitschaft und Selbstlosigkeit im dramatischen Inferno des Konzertsaals von Bataclan wirken hingegen wie Leuchtfeuer der Menschlichkeit, selbst im Angesicht des Todes.
Die Vielstimmigkeit dieser Berichte formt nach und nach ein nachvollziehbares gemeinsames Erleben, das nicht nur die im Prozess Anwesenden absorbiert, sondern gleichzeitig wie ein kollektives Zeugnis ist, das abzulegen unerlässlich scheint, um die Wunden einer Nation irgendwann heilen zu lassen.
Genaues Hinsehen, Anteil nehmen, beschreiben, analysieren, in historische Kontexte setzen, die eigene Wahrnehmung in Frage stellen – und immer wieder die Fragilität des Menschseins in Worte zu fassen, ist das, was Emmanuel Carrère auf außergewöhnliche Weise gelingt. Das von ihm zitierte Spinoza-Zitat – nicht urteilen, nicht weinen, nicht toben, nur verstehen – scheint tief empfundener Antrieb seines Schreibens zu sein, in V13 genauso, wie auch in seinem früheren Roman Yoga. Auch dort wurden Fragen berührt, die den Autor immer wieder beschäftigen, Fragen nach religiösem Fanatismus, ihren Ursachen und unserem Umgang damit als Gesellschaft.
Die klassische Frage nach der Gerechtigkeit des Urteils wird in diesem Buch eher gestreift. An erster Stelle sollen, anders als in vielen anderen Gerichtsreportagen, die Opfer stehen – nicht die Täter. Mit dem Urteil im Verfahren um die Terroranschläge ging dann im Juni 2022 der Mammutprozess zu Ende. Carrères Beschreibungen der kollektiven Erleichterung und der großen Anspannung, die von allen, die den Prozess tagtäglich verfolgt haben, abfällt, machen deutlich, dass es viel weniger um Gerechtigkeit – die es bei so vielen Opfern vielleicht gar nicht geben kann – als um eine Aufarbeitung ging. Freundschaften und Verbindungen, die innerhalb dieser Schicksalsgemeinschaft über Wochen entstanden sind, stehen im Zentrum des letzten gemeinsamen Abends.
Philippe Lançon, französischer Journalist und Literaturkritiker, der 2015 schwerverletzt den Anschlag auf die Redaktion von Charlie Hebdo überlebte, verarbeitete in seinem ebenfalls lesenswerten Buch Der Fetzen auf besonders besonnene Weise das gesellschaftliche, aber auch sein persönliches Vorher und Nachher eines terroristischen Anschlags, das die ganze Welt erschütterte. Emmanuel Carrère verwandelt in V13 darüber hinaus unendlich viele Aussagen Geschädigter und Betroffener der Bataclan-Attentate in eine kollektive Erzählung, die man als möglichen Schritt zur Heilung eines gesellschaftlichen Traumas lesen kann.
- Verlag
- Matthes & Seitz Berlin
- Erscheinungsdatum
- 2023
- ISBN/EAN
- 978-3-7518-0942-9
- Format
- Einband - fest (Hardcover)
- Seiten
- 275
- Preis
- 28,00 €
- Status
- lieferbar
Zur Autorin / Zum Autor
Emmanuel Carrère, 1957 in Paris geboren, lebt als Schriftsteller, Drehbuchautor und Filmregisseur in Paris. Seine genresprengende Prosa wird in über 20 Sprachen übersetzt und wurde vielfach international ausgezeichnet, z.B. mit dem Prix Renaudot 2011, dem Europäischen Literaturpreis 2013, dem Premio FIL 2017 oder dem Prinzessin-von-Asturien-Preis 2021.