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Cover: Nelka

Empfehlung von
Sara Mundt, Der andere Buchladen GmbH, Köln

Svenja Leiber

Nelka

Roman. Auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis 2026

Svenja Leiber erzählt in „Nelka“ von einer jungen Frau, die überlebt. Allem Leiden zum Trotz.

Sie erzählt von Zwangsarbeit während des Nationalsozialismus, von Ausbeutung, Gewalt und Schuld, aber auch von dem „Trotzdem“. Davon, wie es gelingt, weiterzuleben.

Im Zentrum des Romans steht Nelka, die Anfang der 1990er Jahre aus dem ukrainischen Lwiw (ehemals Lemberg) nach Schleswig-Holstein reist, um dort Marten wiederzusehen. Den Mann, der als Gutsverwalter während des Zweiten Weltkrieges ihr Peiniger in der Zwangsarbeit war. Nelka war gerade einmal 16 Jahre alt, als sie 1941 aus ihrer Heimatstadt Lemberg verschleppt wurde. Bei der Registrierung blieb ihre jüdische Herkunft unentdeckt. Eine Tatsache, die ihr vermutlich das Leben rettete. 
Auf dem norddeutschen Hof geriet sie in ein System, in dem Menschen ausgebeutet und missbraucht wurden. Da Nelka über ein außergewöhnliches Wissen über den Apfelanbau verfügte, holte Marten sie aus den Baracken heraus in das Verwalterhaus. Was anfangs wie eine Verbesserung ihrer Situation erschien, brachte sie jedoch in eine Abhängigkeit von Marten, in der sie auch seiner sexuellen Gewalt ausgeliefert war.

Marten konnte nach dem Krieg ein erfolgreiches Unternehmen aufbauen und ist durch das Wissen über die Veredelung von Apfelbäumen, das Nelka ihm damals vermittelt hat, ein wohlhabender Mann geworden. Während er also von ihrer Arbeit profitierte, persönlich wie finanziell, musste Nelka mit all den grausamen Folgen ihrer Verschleppung weiterleben. Martens und Nelkas Begegnung bildet den Rahmen der Handlung. Svenja Leiber verknüpft diese Gegenwartsebene mit den Erinnerungen beider Figuren und zeigt, wie unterschiedlich die selbe Vergangenheit wahrgenommen wurde.

Wie die Autorin diese verschiedenen Perspektiven darstellt, ist eine der großen Stärken des für den deutschen Buchpreis nominierten Romans: Marten ist kein eindeutiger Bösewicht, kein eindimensionales Monster, sondern ein Mann, der sich selbst von der Notwendigkeit seines Handelns überzeugt und seine eigene Geschichte schöngeredet hat. Diese Selbstrechtfertigung ist nicht individuelle, sondern ein Symptom der Zeit. Nelka dagegen hat mit der Vergangenheit nicht abgeschlossen, sie ist mit all der traumatischen Schwere ein Teil ihres gegenwärtigen Lebens.

„Nelka“ zeigt, dass die Gewalt mit dem Sieg der Alliierten über Nazideutschland nicht einfach geendet hat. Während Täter sich ohne jede Konsequenz wirtschaftlich bereichern konnten, blieben die Erfahrungen der Zwangsarbeiter*innen so gut wie unsichtbar. Die Apfelplantage, die Marten nach dem Krieg anlegte, zeigen dies besonders eindrücklich, denn sie stehen für einen Wohlstand, der sich durch grausamste Ausbeutung angeeignet wurde.

Die Verbindung von Natur und menschlichen Beziehungen ist eine weitere Stärke des Buches.
Für Nelka ist das Wissen um die Veredelung von Apfelbäumen, welches ihr ihr Vater von klein auf liebevoll nähergebracht hat, ein Teil ihrer Identität. In der Zwangsarbeit jedoch ist es schlicht ein Gegenstand wirtschaftlicher Verwertbarkeit. Svenja Leiber entwickelt aus diesem Gegensatz eine tiefgehende Erzählung über Aneignung und Abhängigkeit.

Weitere Figuren des Romans, Nelkas Freundinnen Schura und Margaryta und auch die deutsche Magd Else zeigen darüber hinaus, wie eng patriarchale Gewalt und Ausbeutung miteinander verknüpft sind und ergänzen ein Bild über die Vergangenheit von Frauen in der Zwangsarbeit, das bisher nicht genug erzählt wurde.

„Nelka“ ist ein bemerkenswerter Roman, der ein grausames Kapitel der deutschen Geschichte erzählt. Dabei überzeugt nicht nur, wie Svenja Leiber neben historischer Genauigkeit vielschichtige, glaubhafte Protagonist*innen gelingen, sondern auch ihre poetische, fast zärtliche Sprache.

Ein äußerst gelungenes Buch!

Verlag
Suhrkamp
Erscheinungsdatum
2026
ISBN/EAN
978-3-518-43276-1
Format
Einband - fest (Hardcover)
Seiten
200
Preis
24,00 €
Status
lieferbar

Zur Autorin / Zum Autor

Svenja Leiber, 1975 in Hamburg geboren, wuchs in Norddeutschland auf und verbrachte als Kind einige Zeit in Saudi-Arabien. Sie studierte Philosophie, Literaturwissenschaft, Geschichte und Kunstgeschichte, debütierte 2005 mit dem Erzählungsband Büchsenlicht, 2010 folgte der Roman Schipino. Im Suhrkamp Verlag erschien 2014 Das letzte Land, 2018 Staub und 2021 Kazimira. Svenja Leiber lebt und arbeitet in Berlin und Schleswig-Holstein.

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