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Cover: Lyrik-Taschenkalender 2014

Empfehlung von
Karl Piberhofer, Berlin

Michael Braun (Hg)

Lyrik-Taschenkalender 2014

Der Widerwille, sich auf Gedichte einzulassen, der in unserem Land schon in der Schule geweckt wird, gehört wohl mittlerweile zum selbstbezüglichen Habitus derer, die in Deutschland das Sagen haben oder meinen, sie hätten etwas zu sagen. Selbst das gehobene Feuilleton, wie das der ZEIT, hat alle Neugier verloren und geniert sich nicht, Lyrik zu ignorieren.

Dabei kann man nur staunen, was ein Gedicht alles kann. Wie darin Sprache zur Sprache gebracht wird. Wie darin mit Sprache Sprachgrenzen verschoben werden oder, um es mit diesem Lyrik-Taschenkalender für das Jahr 2014 zu sagen: „Gedichte sind Strömungsformen, die weiter reichen als Sprachgrenzen.“ Allerdings finden sich Sprachwunder, die Gedichte hervorbringen können, selten in einer solchen Dichte wie im vorliegenden Taschenkalender. Unbeschreibbar und ohnegleichen: „Tragik“ von Selma Meerbaum-Eisinger.

Ja, es ist ein Kalender: Für jede Woche findet sich ein Gedicht samt Kommentar.
Das Kalendarium ist jedoch nur das kleine Plus, das man als solches nutzen und stets in der Tasche bei sich haben kann. Aber man lasse sich nicht täuschen. Dieser als Kalender verkleidete Gedichtband ist vielmehr eine Lyrik-Anthologie erster Güte. Und als Anthologie das Ergebnis eines Gemeinschaftsunternehmens 17 zeitgenössischer Dichter(innen), zu dem sie der Herausgeber Michael Braun eingeladen hat, indem er jeden Autor und jede Autorin mit einem Gedicht vorstellt und sie eingeladen hat, jeweils zwei Lieblingsgedichte deutscher Sprache auszuwählen und kompakt zu kommentieren.

Hatte dieses Verfahren schon bei der Premiere mit dem ersten Jahrgang 2013 einen tiefen Einblick in die substantiellste Produktion der gegenwärtigen Literaturszene geboten, so hat die diesjährige Auswahl die geweckten Erwartungen noch übertroffen. Das beginnt gleich mit der ersten Kalenderwoche. Man kann es durchaus programmatisch lesen, wenn Henning Ziebritzki den Kommentar zu dem von ihm ausgewählten, präzisen Schlaflosigkeitsgedicht „In der Frühe“ (Eduard Mörike) so einleitet: „Die Selbstreflexion ist so hauchfein, so messerscharf wie die Sprache.“ Wie er im weiteren Mörike vorstellt, das öffnet einen überraschenden Zugang zu diesem Dichter des 19. Jahrhunderts, „der den Geist im Buchstaben findet“, und macht Lust auf mehr.

Und dieses Mehr gibt es darin im Überfluss. Man findet Gedichte, die kompakt und gewichtig wie Skulpturen wirken (Inge Müller), die textuelle Körper sind und Vexierbild, bei dem die inwendige Ecke nach außen umspringt und umgekehrt, („the beautiful is perhaps the first uniform (…)“ / Simone Kornappel). Man landet „am grab“ der Mutter und folgt Urs Allemann mit der Zahl der Buchstaben der erstaunlich wenigen Worte, die er dafür braucht, in die Tiefe nationaler Mentalitäten.

Welch starke Entdeckung: „Wenn der lahme Weber träumt, er webe“ (Clemens Brentano), „eines der kunstvollsten und formvollendetsten Gedichte, die es gibt“ (Gerhard Falkner), dessen literarische Qualität sich aus der Sublimation unerträglicher gesellschaftlicher Verhältnisse speist, die wenige Jahre nach Entstehung des Gedichts im Weberaufstand 1844 mündet. Seine Schwester Bettina von Arnim, die nach seinem Tod „Clemens Brentano's Frühlingskranz“ herausgegeben hat, wird denn auch verdächtigt, den Aufstand angestiftet zu haben, wie ich, neugierig geworden, bei einer kurzen Recherche erfahre.

Der Kalender bietet zahlreiche verblüffende Entdeckungen und lässt unvermutet „poetische Korrespondenzen“ aufscheinen, die sich festhaken, weiterwirken. Wie ein Manifest aufs ganze Leben: „was brauchst du?“ (Friederike Mayröcker) – das Herzstück vielleicht, dieses Vademecums. Und: Paul Scheerbart: „Mein Herz ist über und über voll!“ – „Ich weiß nicht, was ich Dir sagen soll“ – naja, kaufen, lesen, verschenken: Dieser Kalender reicht weit, weit hinaus über 2014!

Verlag
Das Wunderhorn
Erscheinungsdatum
2013
ISBN/EAN
9783884234327
Format
Einband - fest (Hardcover)
Seiten
160
Preis
15,80 €
Status
lieferbar

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