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Cover: Lyrik-Taschenkalender 2013

Empfehlung von
Karl Piberhofer, Berlin

Michael Btraun (Hg)

Lyrik-Taschenkalender 2013

Gedichte

Bis 2011, über fünf Jahre hinweg, kam das Gedicht des Tages, ausgewählt und kommentiert von Michael Braun, dreimal täglich mit großem Überraschungseffekt aus dem Radio und konnte im Deutschlandfunk Lyrikkalender nachgelesen werden.

Nun, mit dem neuen Lyrik-Taschenkalender 2013, hat Michael Braun ein für Lyrik innovatives Format und eine bisher nicht gekannte Form von Anthologie vorgelegt:

„17 zeitgenössische Dichterinnen und Dichter waren eingeladen, jeweils zwei Lieblingsgedichte deutscher Sprache auszuwählen und kompakt zu kommentieren. Der Herausgeber stellt seinerseits die beteiligten Autorinnen und Autoren mit je einem Gedicht vor. So ist ein poetisches Gemeinschaftsunternehmen entstanden, das der Fortsetzung harrt.“ (Michael Braun)

In diesem Kalender findet sich zwar nur noch ein „Gedicht der Woche“ (plus Kommentar). Nun aber kommt die Überraschung nicht aus dem Äther oder wird wie bisher abgerissen (und weggeschmissen), sondern fährt in der Tasche mit im Bus, der U-, der S- oder anderen Bahnen.
So konnte ich in den letzten Wochen immer wieder nach und nach die handlichen Texte lesen und nachlesen, zum Beispiel:

„Ossip Mandelstam bezeichnete das Staunen einmal als die Grundtugend des Dichters. Oft ist das Unscheinbare am staunenswertesten – etwa ein Insekt.“ (Jan Wagner); „SO GROSS WIE DIE SCHEIBE UNSERES GESICHTS“ (Dorothea Grünzweig); „Manchmal bleibt dann das / Kind stehen, und lauscht seinen / eigenen Schritten“ (Ulrich Koch); „dreißig lenze zähl ich wheel, das stehet“ (Konstantin Ames).

„Man schreibt nur auf dem vordersten Posten seines eigenen Wissens, auf jener äußersten Spitze, die unser Wissen von unserem Nichtwissen trennt …“ zitiert Michael Braun in seinem Kommentar zu Hans Thills „Uns fehlen (Deleuze)“ den luziden französischen Philosophen.

Und man ist nicht nur an dieser Stelle verblüfft von den (Interpretations-) Türen der Kommentare, die hier scheinbar mühelos geöffnet werden, nachdem der nicht so findige Leser bei manchem Zeilenlauf samt Wortschöpfungen das Gedicht nur noch als abstraktes Gemälde auf sich wirken lassen konnte.

Es geht bei den Gedichten wie immer um Gott und die Welt, die Liebe und den Tod, die Verzweiflung und den Seelenfrieden. Es geht um oft (existentialistische) Selbstvergewisserung, um das Zur-Sprache-Kommen und das Nicht-Sprechen-Können. Das Faszinierende dabei ist, wie sich heute die Dichterinnen und Dichter diese ewigen Rätsel aneignen.

Insofern ist diese ungewöhnliche Lyrik-Anthologie der Startschuss für ein Gespräch zwischen zeitgenössischen Dichtern, in das auch historische Dichter durch eine ganz individuelle Auswahl einbezogen werden. Man kann Johannes Bobrowski, Paul Celan, Johann Wolfgang von Goethe, Angelus Silesius, Alfred Wolfenstein, um nur einige zu nennen, aus ungewöhnlichen Blickwinkeln kennenlernen. Natürlich auch Friedrich Hölderlins ergreifendes „In lieblicher Bläue blühet“. Und so erhält selbst Walter von der Vogelweides „immer mêre owê“ eine unglaublich gegenwärtig wirkende Kraft. Ernst Stadlers In der Frühe (ausgewählt von Norbert Lange) ist so klar, so schön, könnte auch von heute sein, usw.

Ich empfehle Lektüre und Kauf - auch als Geschenk – und zitiere dazu eine Kalenderzeile aus diesem außergewöhnlich anregenden Lyrik-Taschenkalender:
Trinkt, o Augen, was die Wimper hält,…

Verlag
Das Wunderhorn
Erscheinungsdatum
2012
ISBN/EAN
978-3-88423-399-3
Format
Einband - fest (Hardcover)
Seiten
224
Preis
15,80 €
Status
lieferbar

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